Das Chalet

Noch ein Winterthriller in meinem Blog – und es wird nicht der letzte sein. Liegt das an der Jahreszeit? Oder an der Sehnsucht nach kurzweiliger, spannender Unterhaltung, weil mir für tiefgreifende Gesellschaftslektüre gerade die Muße fehlt?

Vielleicht. Wahrscheinlich. Aber verlorene Zeit war es nicht, vor allem keine verlorene Hörzeit, denn ich habe mir „Das Chalet“ mal wieder vorlesen lassen. Julia Nachtmann hat eine angenehme Stimme, die sehr gut zu den beiden Hauptprotagonistinnen passte. Die 10 Stunden Hörzeit vergingen darum wie im Flug. Ein perfekter Krimigenuss nach dem Schema: Whodoneit?

Und darum geht`s:

Schauplatz ist ein abgelegenes Luxuschalet in den französischen Alpen auf 2000 Metern Höhe. Man erreicht das kleine Hotel nur über eine Seilbahn. Das Chalet bewirtschaften Erin – Mädchen oder Hausdame für alles, und Danny, der vor allem für das grandios gute Essen zuständig ist. Die beiden sorgen dafür, dass es ihren Gästen an nichts fehlt. Normalerweise läuft auch alles sehr professionell und reibungslos ab, aber die neun Gäste, die aus London angereist sind, um ein besonderes Teambuildingwochenende abzuhalten, stellen Erin und Danny vor besondere Herausforderungen …

Das liegt vor allem an der vertrackten Unternehmenssituation: Das erfolgreiche Social-Media-Start-Up „Snoop“ hat ein sehr hohes Übernahmeangebot für die von ihnen entwickelte Musik-App erhalten. Während ihres Aufenthalts in den Bergen soll nun eine Entscheidung getroffen werden, bei der auch die Mitarbeitenden gehört werden sollen: Was spricht für und was gegen den Verkauf von Snoop?

Die Stimmung im Luxuschalet ist von Anfang an angespannt. Schon bald ist klar, dass Snoops Zukunft auf dem Spiel steht. Platzt die Übernahme, muss das Startup Insolvenz anmelden. Trotzdem möchte Firmengründer und CEO Topher nicht verkaufen. Seine Firmenpartnerin und Hauptanteilseignerin Eva drängt jedoch auf den Verkauf, schließlich geht es um viele Millionen, die hier fließen könnten. Die kleineren Anteilseigner müssen sich nun auf eine der beiden Seiten schlagen. Bevor es zu einer finalen Abstimmung kommt, wird Eva vermisst. Sie, eine exzellente Skifahrerin, ist von ihrer letzten Abfahrt – schwarze Piste, schwieriges Wetter – nicht zurückgekommen. Ihr Handy wird in einer Schlucht geortet. Eva scheint bei schlechter Sicht in die Tiefe gestürzt zu sein. Noch erschüttert über den Tod Evas bricht das nächste Unglück buchstäblich über alle hinein: eine Lawine bricht über sie herein und zerstört Teile des Chalets. Die Verbindung zur Außenwelt reißt ab. Telefone und Handys funktionieren nicht. Ohne Strom und fließendes Wasser sitzt die Gruppe in den Bergen fest. Schon bald kommt es zu einem weiteren Todesfall. Es ist klar, dass es nicht bei zwei Toten bleiben wird. Wer hat wohl das stärkste Motiv, das Team zu dezimieren? Und warum gerät auch Erin in die Schusslinie?

Das Chalet hat mich sofort in den Bann gezogen. Es ist, als liefe vor dem inneren Auge ein moderner Agatha-Christie-Film ab. Wer steckt hinter den vielen Morden? Wer überlebt das Horrorwochenende? Jeder, aber ausnahmslos jeder, gerät ins Visier und unter Verdacht. NIchts ist so, wie es auf den ersten Blick erscheint. Langsam arbeitet man sich als Leserin durch die Geschichte und versucht, die Fäden zu entwirren. Spannend ist dabei, dass Ruth Ware aus zwei verschiedenen Perspektive erzählt: Einmal erfahren wir aus der Sicht von Erin, was passiert. Sie ist eine wahre Sympathiträgerin. Freundlich, aufgeschlossen, praktisch veranlagt und mit einem gesunden Menschenverstand ausgestattet. Auf der anderen Seite ist Liz, die früher bei Snoop gearbeitet hat, und angereist ist, weil sie einen kleinen Anteil an der Firma hält und über die Zukunft von Snoop miteintscheiden muss. Sie ist sehr schüchtern, fast verklemmt, eine richtige Außenseiterin. Beide Figuren spielen eine bedeutsame Rolle. Beide tragen Geheimnisse mit sich herum – naj ja, wie eben auch der Rest der Gruppe. Das Finale ist grandios.

Einziger Minikritikpunkt: Der Nachklapp nach dem Showdown war für mich überflüssig und langgezogen, aber nun gut. Bis dahin war es wieder einmal eine spannende Unterhaltung. Dafür ist Ruth Ware schließlich bekannt.

Ruth Ware: Das Chalet, Dezember 2021, 416 Seiten, DTV Verlag.

Ruth Ware: Das Chalet als Hörbuch bei Audible.

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