Was wir verschweigen

Vorab. Dieser finnische Roman gehört zu meinen absoluten Lese- bzw. Hörhighlights. In den Bann gezogen hat die Geschichte mich als Hörbuch, verschenkt habe ich es danach als Paperback – und ich überlege, es selbst auch noch einmal zu lesen. Arttu Tuominens erster Roman wurde in Finnland zu Recht mehrfach ausgezeichnet. Ich klassifiziere sein Werk bewusst nicht als „Kriminalroman“, weil Was wir verschweigen für mich kein Krimi ist. Es geht nicht um die Frage: Wer war es. Wer es war, ist von Anfang an klar. Es geht vielmehr um die persönlichen Verstrickungen und um das, was wir verschweigen: um Lügen und Geheimnisse, aber auch um Dinge, über die man nicht spricht oder nicht sprechen kann. Es geht um das Leben selbst, um Familie, Freundschaft, Schuld, Gewalt und Aggression… – kurz und gut: Was wir verschweigen ist eine große, tragische Erzählung, die die Wirklichkeit abbildet, wie sie ist, ohne Weichzeichner und Schönheitsfilter. (Das passt für mich übrigens ganz wunderbar in den grauen Februar!)

Schauplatz ist das finnische Pori. Eine Küstenstadt in Mittelfinnland. Erzählt wird mit Rückblenden in die Kindheit der Protagonisten. Nach und nach schält sich ein Bild heraus – oder viele Bilder, die zusammen eine Geschichte ergeben. Vielschichtig ist das Adjektiv, das mir dabei einfällt. Doch die Geschichte versucht nicht, Schicht für Schicht abzutragen, um darunter den eigentlichen Kern oder die Wahrheit hervorzubringen. Es ist genau andersherum: Der Roman trägt eine Schicht nach der anderen auf. Das, was am Anfang noch sonnenklar war, wird immer wieder überstrichen. Alles ist, wie es scheint, nur viel schlimmer.

Aber von vorn.

Jari Paloviita leitet das Kommissariat in Pori, zumindest vorübergehend. Als neuer Chef steht er unter besonderer Beobachtung. Als er zu einem Mordfall in Ahlainen gerufen wird, ahnt er nicht, dass ihn dieser Fall nicht nur emotional zurück in seine Kindheit katapultiert, sondern auch beinahe seinen Job kosten wird. Und so trifft Jari zu Beginn bereits eine folgenschwere Entscheidung: Er verheimlicht seinen Kollegen, dass er in diesem Fall befangen ist.

Jari kennt sowohl das Opfer als auch den vermeintlichen Täter. Mit beiden ist er aufgewachsen. Antti, der als mutmaßlicher Täter identifiiert wird, war Jaris bester Freund. Die beiden hingen rund um die Uhr zusammen und waren wie Pech und Schwefel. Dann starb Anttis Vater und Antti kam in ein Jugendheim. Jaris und Anttis Wege haben sich verloren. Antti geriet auf die schiefe Bahn. Jari hingegen machte bei der Polizei Karriere. Das Opfer ist Rami. Rami hat bereits als Teenager alles dafür getan, ein gefürchteter Krimineller zu werden. Seine Mitschüler tyrannisierte er, wie und wo er nur konnte. Zu Jari war er besonders grausam (… diese Schilderungen haben mir die Tränen in die Augen getrieben, ohne Witz!). Rami hatte es schon allein deshalb auf Jari abgesehen, weil beide Jungen in dasselbe Mädchen verliebt waren. Von Anfang an ist klar, dass über den drei Jungen eine dunkle, unheilvolle Wolke schwebt. Diese Geschichte kann nicht gut enden. Dabei wollen alle nur irgendwie durchkommen – durch ihre Kindheit, ihr Elternhaus, das Leben. Sie träumen von einer Zukunft, die besser ist als ihre Gegenwart.

Dreißig Jahre später hat nur Jari es geschafft, sich ein gutes Leben aufzubauen. Aber auch hinter der Hochglanzfassade seines schicken Hauses, seiner Bilderbuchfamilie und seiner Karriere bei der Polizei bröckelt es. Jari fühlt sich Antti verpflichtet, versucht, ihm zu helfen oder zumindest alles dafür zu tun, dass er nicht wegen Mordes verurteilt wird. Warum sich Jari dazu moralisch verpflichtet sieht, erfahren wir in den Rückblenden. Jari setzt seine Zukunft aufs Spiel, um einem Alkoholiker und Kriminellen zu helfen. Dabei ist ihm sein Kollege Henrik Oksman dicht auf den Fersen. Henrik ist der einzige, der herausfindet, was Jari verschweigt. Durch seine Ermittlungen fügen sich auch für den Leser viele Puzzlesteine zusammen.

Was bleibt? Die Erkenntnis:

Alle sind Opfer. Alle sind Täter. Das ist traurig. Und doch blitzt in der Dunkelheit auch immer wieder Hoffnung auf. Weil Freundschaft etwas ist, das seinen Wert nie verliert.

Was wir verschweigen ist

… brutal. Grausam. Offen. Ungeschönt. Eklig. Abstoßend. Anrührend und noch einiges mehr. Arttu Tuominen erzählt in jeder Hinsicht intensiv. Es ist nicht ganz einfach in die Story hineinzukommen. Erst einmal muss man die vielen Namen sortieren und die Handlungsstränge klar bekommen. Nach einem Drittel der Geschichte konnte ich aber gar nicht mehr aufhören: Die Geschichte hat einen Sog entwickelt, der mich mitgerissen hat. Denn obwohl glasklar ist, dass es kein gutes Ende nehmen kann, hofft man, fiebert man mit, ist hin- und hergerissen. Aber es hilft alles nichts.

Das Ende ist großartig und nicht nur dunkel – da sind viele helle Einsprengsel.

Die gute Nachricht zum Schluss:

Dieser Roman ist der Auftakt einer Reihe, die wohl sechs Teile beinhalten soll. Im nächsten Teil wird Henrik Oksman, Jaris korrekter Kollege und Gegenpart, die Hauptfigur sein. Er ist auch ein kantiger Charakter, der helle und dunkle Züge in sich vereint. Ich bin gespannt!

Arttu Tuominen: Was wir verschweigen, Lübbe 2021.

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