Wo der Wolf lauert

„Alles war aus dem Lot.“ Ein Satz aus Ayelet Gundar-Goshen „Wo der Wolf lauert“. Ein Satz, der die gesamte Geschichte zusammenfasst: Denn in dieser gerät das Leben der Familie Schuster aus dem Gleichgewicht. Im Mittelpunkt: ein Ehepaar, Lilach und Michael, und ihr 16jähriger Sohn Adam. Die Familie stammt aus Israel, ist nach Amerika ausgewandert und hat sich in Palo Alto im Silicon Valley niedergelassen. Michael ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Lilach arbeitet auch, wobei das von anderen oft nicht als „richtige“ Arbeit gewürdigt wird. Sie organisiert Kino- und Spielnachmittage in einem Altenheim. Dabei bleibt sie zwar weit hinter ihren beruflichen Möglichkeiten zurück, dafür bleibt ihr genug Zeit, um Haushalt und Familie zu organisieren. Ihnen fehlt es ihnen an nichts – oder vielleicht doch? Sie leben in der jüdischen Diaspora. Die Heimat, Israel, die Verwandten und Freunde, fehlen. Die Schusters sind natürlich Teil einer jüdischen Gemeinde in Amerika. Dort leben sie ihren Glauben und halten israelische Bräuche lebendig. Sie definieren sich über ihre Herkunft und ihre israelischen Wurzeln. Eine Sehnsucht nach der alten Heimat spürt man ihnen an – und auch Vorbehalte (und Vorurteile) gegenüber „den Amerikanern“, vor allem geäußert durch die Verwandten in Israel.

Dann geschieht ein Anschlag. Ein Mann stürmt in das jüdische Gotteshaus. Eine junge Frau wird getötet. Die jüdische Gemeinde ist schockiert. Wie kann man sich in Zukunft besser schützen? Auch Lilach macht sich Sorgen. Ihr Sohn Adam ist ein Einzelgänger. Von Statur aus schwächlich. Er macht kaum Sport. Wie sollte er sich gegen einen Angriff wehren? In Israel durchläuft beinahe jeder und jede eine miltärische Grundausbildung – Und so überredet Lilach ihren Sohn, den von der Gemeinde ins Leben gerufenen Selbstverteidigungskurs zu absolvieren. Erst geht Adam dort nur widerwillig hin. Dann findet er dort Anschluss und Erfolgserlebnisse. Uri, der Trainingsleiter, ist streng, verlangt den Jugendlichen viel ab, er ist aber auch sehr beliebt. Es heisst, er habe früher für den Mossad, den israelischen Geheimdienst, gearbeitet.

Uri wird immer wichtiger für Adam. Da Michael und Uri sich von früher kennen, lebt auch der Kontakt unter den Erwachsenen wieder auf. Michael verhilft Uri zu einer Anstellung in seiner Firma, die neueste Waffentechnolgien entwickelt.

Lilach ist hin und hergerissen. Sie bemerkt die Veränderungen, die mit Adam vor sich gehen. Adam ist ein verschlossener Junge. Einerseits gefällt ihr, dass ihr Sohn endlich Anschluss gefunden hat und „irgendwo dazugehört“, andererseits scheint er sich auch ihrem Einslussbereich zu entziehen. Sie versteht ihn nicht mehr. Vielleicht hat sie das auch nie?

Als Adam zu einer Party eingeladen wird, ist Lilach froh. Adam war noch nie auf einer Party. Endlich scheint er Anschluss zu anderen Teenagern seines Alters zu finden. Sie nötigt ihn, zur Party zu gehen. Doch dort geschieht etwas Furchtbares: Jamal, ein Junge afro-amerikanischer Herkunft, bricht tot zusammen. Die Obduktion wird ergeben, dass er an einer verunreinigten Droge gestorben ist. Adam, der in der Garage ein kleines Chemielabor unterhält, gerät unter Verdacht.

Lilach versucht, der Wahheit auf den Grund zu gehen. Stück für Stück versucht sie, die Zusammenhänge zu ergründen. Dabei stellt sie fest, wie entfremdet ihr Adam eigentlich ist. Und was hat dieser seltsame Uri eigentlich mit all dem zu tun?

Genug gespoilert. Es ist ein heikles Thema, das Gundar-Goshen hier anfasst. Das kann nur jemand, der Israel und Amerika gut kennt, und als Jüdin aus der „Innenperspektive“ erzählen kann. Darum wirken die Protaginisten und das Setting auf mich sehr authentisch. Das, was die Autorin als Aufhänger ihres Familiendramas nutzt, kennt man zunächst einmal aus den Nachrichten: ein Amoklauf in einer Synagoge, in einer Moschee oder Kirche, mit mehr oder weniger Opfern, unterschiedlich motiviert. Wir bewegen uns in einem diffusen politisch/ideologisch/religiös-fundamentalistisch aufgeladenen Milieu der Kulturen. Ein Klima von Hass, Gewalt und Vorurteilen – und zwar auf allen Seiten. Ohnmacht stellt sich ein und die Frage: Was können wir tun, dass das aufhört? Dass wir alle gut und in Frieden zusammen leben können?

Die Antwort der einen: Wir müssen aufrüsten und lernen uns zu verteidigen, notfalls auch mit Gewalt. Die anderen: Wie müssen reden, müssen versuchen, uns besser zu verstehen.

Und im Fall von Familie Schuster kommen die persönlichen, ganz eigennützigen Motive hinzu: Wie können wir als Familie am Ende gut dastehen? Wie können wir uns schützen? Wie können wir unseren Sohn schützen? Er kann doch kein Mörder sein. Oder doch?

Während Michael keine Zweifel hat, dass sein Sohn unschuldig ist, ist sich Lilach nicht mehr sicher. Sie möchte ihren Sohn vor den Ermittlungen schützen, aber gleichzeitig auch die Wahrheit erfahren. Soll sie ihn direkt fragen? Lilach fürchtet die Antwort.

Ayelet Gundar-Goshen studierte Psychologie in Tel Aviv. Daher erklärt sich für mich die psycholgische Tiefe ihrer Hauptperson Lilach, aus deren Perspektive erzählt wird. Ayelet Gundar-Goshen hat bereits etliche Bücher veröffentlicht, die sehr gelobt wurden. Dieser Roman ist nun mein erster von ihr. Ich war am Anfang nicht überzeugt. Es hat lange gedauert, bis ich mich an ihren Stil gewöhnt hatte. Vor allem ihr betuliches Schreiben hat mich am Anfang gestört. Betulich im Sinne von: langatmig, ständig kamen nur Andeutungen, jeder Satz bedeutungsschwanger, ohne etwas Konkretes zu sagen, nur dass alles einen bösen Ausgang nehmen würde. Wie ein dunkles Orakel klang die Erzählstimme. Erst später, als die Erzählung wirklich Fahrt aufgenommen hatte, wurde das besser und die Andeutungen weniger, wengleich bis zum Schluss vieles in der Schwebe gehalten wird.

Alltagsrassismus und Antisemitismus sind die Schlagworte, die einem zu „Wo der Wolf lauert“ zuerst einfallen. Mich hat aber auch die Familiengeschichte und das feine Psychogramm der Familienmitglieder beschäftigt. Als Mutter von Heranwachsenden kann ich gewisse Sorgen und Bedenken nachvollziehen. Kennen wir unsere Kinder wirklich? Was geht in ihren Köpfen vor? Gibt es nicht auch Dinge, die wir nicht sehen oder nicht sehen wollen? – Insofern hat mich die Romanidee von Ayelet Gundar-Goshen ein bißchen an den Roman „Angerichtet“ Hermann Koch erinnert, in dem Jugendliche aus gutem Haus einen feigen Mord begehen. Auch dieses Buch fand ich großartig.

Wenn ich 5 Sterne zu vergeben hätte, würde ich „Wo der Wolf lauert“ 4 von 5 vergeben.

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert.
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama.
Kein & Aber 2021.
352 Seiten

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