Mode und Neurosen

„Mode und andere Neurosen“. Der Titel hat mich sofort. Ich bin dabei. Wobei ich nicht sagen kann, was mich mehr anspricht: die Modedetails oder die Neurosen. Dieses Buch ist mir nicht beim wahllosen Stöbern in die Hände gefallen, sondern wurde mir von einer Freundin wärmstens empfohlen. Ich gebe viel auf die Meinung von Freunden. Also habe ich mir Katja Eichingers Essayband gekauft. Ein bißchen skeptisch war ich allerdings schon, das muss ich zugeben, denn oft sind Bücher von prominenten Persönlichkeiten ein Reinfall, die ausschließlich über die Bekanntheit der Person und nicht mit Qualität punkten. Ein Vorurteil? Vielleicht. Leider aber auch das ein oder andere Mal bestätigt. Bei Mode und andere Neurosen wurde ich positiv überrascht. Das Buch hielt, was meine Freundin mir versprochen hat: viele kluge und unterhaltsame Geschichten und Gedanken, die etwas mit dem Thema Mode zu tun haben, aber nicht nur.

Vorweg:

Natürlich. Mode interessiert mich. Nicht in dem Sinn, dass ich jedem Trend hinterlaufen muss, damit ich mich noch up-to-date fühle. Mir geht es darum, für jeden Anlass etwas im Schrank zu haben, auf das ich blind zurückgreifen kann. Ich weiß, dass hört sich nicht gerade entspannt an, aber mir beschert es ein gutes Gefühl. Zweimal im Jahr räume ich deshalb meinen Kleiderschrank um: Gerade tausche ich die Winterklamotte mit der Frühlings- und Sommergarderobe. Dadurch ist der Schrank übersichtlicher. Und ich freue mich jedes Mal, wenn ich die Sachen, die ein halbes Jahr in einer Kiste oder einem Koffer lagerten, wieder zum Vorschein hole. Ich liebe Kleidung, die qualitativ hochwertig ist, mir wirklich steht und gut aussieht (in meinen Augen zumindest, meine Tochter kritisiert mich oft für meinen Geschmack, aber das muss wohl so sein, sonst läuft einiges schief in der Mutter-Tochter-Beziehung…). Egal, ob es bei Regen in den Wald, bei Sturm ans Meer oder zu einem klassischen Konzert geht – oder ob es tagtäglich für den Job taugen muss. Ein fashionvictim (ätzendes Wort) bin ich dadurch noch lange nicht. Viele Trends lasse ich links liegen. Und über manche Modesünde der 1980er oder 90er Jahre kann ich heute herzhaft lachen (vor allem über Neonfarben und Blousons oder neonfarbene Blousons…).

In Katja Eichingers Essay-Sammlung „Mode und andere Neurosen“ geht es um Lieblingsstücke, um Klassiker und um die Menschen, die sie dazu gemacht haben. Welche Geschichte haben Kleidungsstücke? Katja Eichinger hat dazu viele Fakten und kuriose Details zusammengetragen.

Noch einmal: Ich war skeptisch. Katja Eichinger war mir bis dato nur als Witwe von Bernd Eichinger bekannt. Aber ich habe sie unterschätzt. Katja Eichinger ist Journalistin. Sie versteht ihr Handwerk. Und natürlich hat mich ihr erster Satz bereits für sie eingenommen – und das aus, na ja, lokalpatriotischen Gründen: „Ich saß unter der Singer-Nähmaschine meiner Großmutter in Wolfhagen, einer Kleinstadt in Nordhessen, und beobachtete, wie ihre Füße auf der Wippe die Maschine zum Schnurren brachte.“

Nicht nur, dass ich sofort ein Bild vor Augen habe, es ist der lokale Bezug, über den ich gestolpert bin: Ich bin im Kreiskrankenhaus in Wolfhagen geboren und in Nordhessen aufgewachsen. Ich kenne und liebe die Region, bin aber auch froh, dass ich mittlerweile an vielen verschiedenen Orten gelebt habe. Nicht ganz so spektakulär wie Katja Eichinger, natürlich. Die, das wusste ich auch nicht, in London am British Film Institute studiert hat und danach u. a. als Journalistin für die Vogue gearbeitet hat.

Ihre Essays ranken sich um persönliche Erinnerungen, Entwicklungen, um gesellschaftsrelevante oder politische Themen. Das wird bereits beim Blick ins Inhaltsverzeichnis deutlich: Von „Streetwear oder die Freiheit, die wir meinen“ bis zum „Baader oder Prada Meinhof? Über Mode und Politik“.

Also: Dieses Buch muss man nicht in einem Rutsch durchlesen. Immer mal wieder habe ich es zur Hand genommen – und nach Lust und Laune und Interesse darin gelesen. Ein Buch, das gut auf dem Nachttisch liegen kann. Griffbereit, wenn man es braucht. Zum Beispiel als perfekte Gute-Nacht-Geschichte. Statt Schokolade noch ein literarischer Happen. Für mich genau richtig.

Gerade ist übrigens ein zweiter Essay-Band von Katja Eichinger erschienen. Liebe und andere Neurosen lautet der Titel.

Katja Eichinger: Liebe und andere Neurosen, Blumenbar 2022, 336 Seiten.

Katja Eichinger: Mode und andere Neurosen, Blumenbar 2020, 208 Seiten.

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