Fran Lebowitz

Fran Lebowitz? Wer ist Fran Lebowitz? An ihr kommt gerade niemand, der sich irgendwie für gute Geschichten und kluge Gedanken interessiert, vorbei. Fran Lebowitz ist „intelligent, schlagfertig, cool“, um einige Adjektive zu zitieren, die das Feuilleton ihr zuschreibt. Sogar Schulz und Böhmermann singen ein Loblied auf sie in ihrem Podcast. Alle schwärmen von ihr. Dabei kannte ich sie bis vor vier Wochen gar nicht. Ich gebe es zu, eine Wissenslücke. Mittlerweile weiß ich: Sie ist so etwas wie der menschgewordene Mythos, eine Ikone, eine Überlebende der guten alten Zeiten – vor Twitter, Instagram, Youtube und Tik Tok.

New York

Geboren 1950 in New Jersey kam sie 1969 nach New York. New York ist für Fran Lebowitz das gelobte Land, der einzige Ort, der für sie als Lebensmittelpunkt in Frage kommt. New York ist damals bunt, laut, schmutzig, gefährlich – viel gefährlicher in den 1970er Jahren als 2020. Die Welt ist verrückt, aber noch nicht so aus den Fugen, wie heute. Und New York ist cool. Entweder die Stadt färbt auf Fran Lebowitz ab oder Fran Lebowitz Coolness auf die Stadt. Ich weiß es nicht.

Sprachwitz

Befreundet mit Andy Warhol, Toni Morrison oder auch Martin Scorsese verkehrte Fran Lebowitz schon früh in Künstlerkreisen. Und das, obwohl sie in ihrer Anfangszeit in New York als Putzfrau und Taxifahrerin ihr Geld vediente (laut Klappentext). Dann bekam sie ihre Chance. Sie wurde Kolumnistin in Andy Warhols Magazin „Interview“ . Frans Stil ist unverblümt, direkt, scharfzüngig. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Manchmal wird sie nicht nur als Kolumnistin, sondern auch als Komödiantin bezeichnet, weil ihre Pointen so spitz sind, dass man herzhaft Lachen muss – wobei sie selbst keine Miene verzieht.

Ihre Geschichten, Gedanken, manchmal nur kleine Pointen oder auch ausführliche Listen mit Gegenüberstellungen (Frauen/Juden/Teenager/Homosexuelle…; Russland – USA; Kommunist – New Yorker und einige mehr) wurden in „New York und der Rest der Welt“ zusammengefasst und gerade bei Rowohlt auf Deutsch veröffentlicht.

„Pretend It’s a city“

Darüber hinaus hat Martin Scorsese ihr mit „Pretend It’s a city“ ein weiteres Denkmal gesetzt. Gerade läuft seine Dokumentation über oder mit Fran Lebowitz auf Netflix. Er begleitet sie durch New York, stellt ihr Fragen, arrangiert Ton- und Bildmaterial aus den letzten Jahrzehnten. Sieben Episoden sind es geworden. Ich empfehle allen, die überlegen, das Buch zu lesen, vorher oder parallel die Serie zu sehen. Vieles aus dem Buch ist dann verständlicher. Denn, soviel steht fest, um wirklich alle Pointen ihrer Betrachtungen über das Leben und vor allem über New York zu verstehen, muss man eigentlich dort leben. Und zwar schon sehr lange dort leben. Wenn sie sich über die Neugestaltung von Straßen und Plätzen echauffiert, über die Stadt vor 50 Jahren und heute philosophiert und in der Serie durch ein Miniatur New York schreitet: Man muss sie schon kennen, diese Stadt. Und auch Fran Lebowitz.

Markenzeichen

Fran Lebowitz hat sich wohl kaum verändert. Nur die Umgebung und die Welt haben sich verändert. Sie raucht wie eh und je. Sie verweigert sich Handys und anderen Medien. Sie trägt seit den 1970er Jahren am liebsten derbe Boots, Jeans und Anzugsjacke, in der Regel Maßanfertigungen. Ein maskuliner oder androgyner Look, der zu ihrem Markenzeichen geworden ist. Zu den Themen, über die sie schreibt, gehören Manieren, Mode, Bücher, Kinder, Essen, Tiere, natürlich die Stadt New York und vieles mehr. Zum Thema Sport schreibt sie:

„Sport finde ich nicht supermäßig spannend. Für mich ist das eine gefährliche und ermüdende Betätigung von Leuten, mit denen mich nichts außer dem Recht auf einen fairen Prozess verbindet. (…) Es gibt allerdings etliche Wettkämpfe, an denen ich mich tatsächlich beteilige und für die ich, wie ich anmerken möchte, eine gewisse Qualifikation mitbringe. Die folgende Liste ist alles andere als vollständig:

  1. Frühstück liefern lassen.
  2. Nach der Post schauen.
  3. Zigaretten holen.
  4. Sich auf einen Drink treffen. (S. 39)“

Fran Lebowitz hat zu allem eine Meinung. Ich persönlich konnte mir immer nur eine Netflix-Folge und ein oder zwei Kapitel aus dem Buch auf einmal ansehen oder lesen – zuviel Fran Lebowitz ist anstrengend, zumindest für mich. In kleinen Portionen ist sie gut verträglich.

Morla

Fran Lebowitz mag weder kleine Kinder noch Teenager, Touristen und grundsätzlich Menschen, die ihr auf den Wecker fallen. Man könnte meinen, sie sei Misanthrop. Aber ihre Ablehnung bezieht sich auch auf Tiere und alles, was sie unter „Natur“ fasst, von daher darf man das nicht allzu persönlich nehmen, was sie schreibt. Sie zieht z. B. einen Toaster der Sonne vor (dazu hat sie eine ihrer berühmten Listen angefertigt und „Natur und Kunst“ gegenübergestellt – herrlich!). Das liest sich alles so wunderbar skurril und eigensinnig, dass man über ihre Grummeligkeit hinwegsieht, die ja ihr Markenzeichen ist.

Ein bißchen wirkt sie auf mich wie die „alte, weise Morla“ aus Michael Endes Unendlicher Geschichte. Wie Morla wird sie immer an der gleichen Stelle bleiben, sich nur minimal bewegen und dem Zeitgeist die Stirn bieten. Gut so! Also ich gehöre nun wohl auch zum Club der Fran Lebowitz Fans.

Fran Lebowitz: New York und der Rest der Welt, Rowohlt, 353 Seiten, März 2022.

Claudia Cosmo, NDR: „New York und der Rest der Welt“

Eva Hepper, Deutschlandfunkkultur: „Einfach Kult!“

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