Liebe, noch einmal, aber anders

Ich freue mich, dass ich mit dem zweiten Essayband von Katja Eichinger nun schneller bin als mit „Mode und andere Neurosen“. Während der erste Band lange auf meinem Nachttisch lag und ich mir für jeden Abschnitt viel Zeit gelassen habe, habe ich „Liebe und andere Neurosen“ sehr zügig weggelesen. Nach Ali Hazelwood und Julia Quinn nun endlich zurück auf der „Metaebene“ – zurück zu den Betrachtungen über die Liebe und ihren Facetten.

Wie schon im ersten Buch gefällt mir auch hier wieder die Zusammenstellung. Es ist eine Art „Mixtape“ der Liebe geworden, zusammengestellt von Katja Eichinger. Fleißige Recherche, philosophische Unterfütterung gepaart mit biographischen Details sind für mich die Dinge, die diesen Band so lesenswert machen. Und wieder sind es die Orte, die sie beschreibt, und denen ich sofort etwas abgewinnen kann. Berlin ist klar. Aber auch zum osthessischen Niederaula habe ich biographische Bezüge und ich kann mich selbst noch an die Zeit in den 1980er Jahren erinnern und daran, dass dort gen Osten damals die Welt zu Ende war: Sackgasse. Ostdeutsche Grenze. Ich teile das Lebensgefühl, das Katja Eichinger beschreibt: Atomkraft-Danke-Aufkleber. Aufrüstung. Kalter Krieg. Und die Angst vor einem Atomschlag. Oder einem Atomunfall – mit Tschernobyl traurige Realität geworden. Wir durften damals nicht im Regen draußen spielen. Und die Bücher von Gudrun Pausewang, die übrigens auch mit Osthessen verbunden sind, wo viele ihre Geschichten spielen. „Die letzten Kinder von Schewenborn“ oder „Die Wolke“ haben meine Angst vor einer nuklearen Katastrophe genährt. Und so habe ich schon zu Beginn mit Katja Eichinger einen Flashback in meine Vergangenheit – und gleichzeitig ist das Thema und die Angst vor einem Atomkrieg durch Putins Drohgebärden im Ukraine-Krieg so präsent und brisant wie nie.

In der Nähe von Niederaula, dort, wo in den 1980er Jahren ein Miltärstützpunkt der USA lag, befindet sich heute ein riesiges Amazon-Logistiklager. Auch ich bin schon oft daran vorbeigefahren und staune: Wie hat sich unsere Welt verändert?!

„Niederaula befand sich in unmittelbarer Nähe des westlichen Abschnitts des antifaschistischen Schutzwalls, der die DDR gegen den kapitalistischen Imperialismus schützeund ihre Bewohner davon abhalten sollte, sich von der westlichen Konsumgesellschaft ausbeuten zu lassen.“ Ironie des Schicksals, dass an diesem Ort nun ein riesiges „Erfüllungszentrum“ unserer Wünsche steht?

„Erfüllung braucht das Begehren. Ohne Begehren kein Konsum, keine Online-Bestellungen, kein Amazon, kein Erfüllungszentrum. Nur, was ist eigentlich Begehren?“

Können die Gegenstände, die wir bestellen, unser Begehren stillen oder mehren sie unseren Frust, weil sie nie auf lange Sicht unser Begehren befriedigen? – Katja Eichinger verweist in diesem Zusammenhang – mit einem Zwischenschritt über die griechische Mythologie – auf Platon. Platon lässt in einem fiktiven Gastmahl verschiedene Personen über das Begehren, den Eros, diskutieren, darunter auch Sokrates. Für Sokrates ist die höchste Stufe irdischen Begehrens – also von Erotik und Lust – erreicht, wenn ich diese nicht mehr physisch, also körperlich befriedige, sondern sie transzendiere: Wenn ich in die Sphäre des Göttlichen eintauche, alles Irdische verlasse, um das Ideal dahinter, die Schablone der Liebe erkenne – die unvergändliche und einzigartige Idee dahinter. Die höchste Form des Begehrens ist dann die Transzendenz – also der Bewusstseinszustand, der unser irdisches Dasein übersteigt (wo! hier wird’s metaphysisch!). Erreiche ich dieses Bewusstsein, können mich die Verlockungen der 1-Click-Bestellungen nicht mehr triggern.

Doch Amazon und Co haben uns fest im Griff und schüren unser profanes Begehren, das unsere Konsumgesellschaft und damit die Wirtschaft am Laufen hält (… und halten muss?). Äh, wo waren wir stehengeblieben? Liebe, achso.

Zugegeben: Die thematischen Sprünge in Katja Eichingers Texten wirken auf mich wie eine Acherbahnfahrt der Synapsen: eben noch in einem osthessischen Bauernhof bei Urgroßmutter Elisabeth, dann Tristan und Isolde, Platon, Apple, Facebook und zurück zu Marquez und seinem Meisterwek „Die Liebe in Zeiten der Cholera“. Aber gerade dann, wenn man sich fragt, wo war noch einmal der rote Faden, geht ein Kapitel zu Ende. Dann blättere ich um und ein neuer Gedanke mit vielen Verzweigungen fächert sich vor mir auf.

Viele Themen, viele kluge Gedanken. Für mich bleibt das biographisch Motivierte dahinter das, was die Essays lesenswert macht. Vielleicht ist es im Großen und Ganzen auch ein Trauerbewältigungsbuch und von daher noch einmal viel persönlicher als „Mode und andere Neurosen“, vor allem der letzte Text zu Tod und Trennung.

Mein Fazit: Viel Schönes, nicht immer gerade abgebogen – aber wer will das auch? Hier gibt eben ein Stichwort das nächste und eine Erinnerungen folgt auf die andere. So what? Lesen.

Katja Eichinger: Liebe und andere Neurosen, Blumenbar, 336 Seiten.

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