Der Papierpalast

Ob „alle“ diesen Roman gerade lesen oder bereits gelesen haben, kann ich natürlich nicht wirklich sagen. Ich behaupte es. Es ist eine Verallgemeinerung. Mir ist dieses Buch nur sehr oft bei Instagram in den letzten Wochen begegnet. Erschienen im Hardcover bei Ullstein ist es im März diesen Jahres. Dahinter verbirgt sich ein „Weltbestseller“ – also die Superlative wird schon mitgeliefert. Die Nummer eins der New York Times Charts. Und nun ist Miranda Cowley Heller auch in Deutschland durchgestartet. In den vielen Rezensionen über den Papierpalast habe ich auch das ein oder andere Mal gelesen, dass der Roman als der Roman des Jahres gehandelt wird.

Mir sind Superlative suspekt. In der Regel reagiere ich darauf bockig – und besonders kritisch. Keine Ahnung, warum. Aber nun gut. Es ist ein hervorragender Roman. Und er hat von Anfang an mein Interesse geweckt. Natürlich weil so viele davon reden und ich mir selbst ein Bild machen wollte. Außerdem gefällt mir das Cover. Die warmen Farben, die Gestaltung ist ansprechend. Und dann wäre da noch der Titel: Der Papierpalast. Ein lyrischer Titel, der wie für Lesebegeisterte gemacht zu sein scheint. Also: Alles richtig gemacht. Die Leserin hat angebissen.

Allerdings empfehle ich, den Klappentext zu ignorieren. Ich finde ihn unpassend und völlig daneben – als handele es sich um einen ganz anderen Roman und nicht die tragische Familiengeschichte, um die es im Papierpalast geht.

Der Papierpalast ist ein Sommerhaus in der Nähe des Atlantiks bei Cape Cod. Sommerhaus ist etwas hochgegriffen. Back Woods besteht aus verschiedenen kleinen Einzimmerhütten um ein größeres Einszimmerhaupthaus. Die Hütten liegen an einem See. Alles ist in die Jahre gekommen, etwas altersschwach, renovierungsbedürftig, aber auch voller Erinnerungen. Elena Bishop und ihre Familie fahren schon seit Jahrzehnten nach Back Woods, um dort den Sommer zu verbringen.

Elles Geschichte beginnt mit ihrer Affäre, ihrem Seitensprung, den sie sich in Back Woods mit Jonas erlaubt. Jonas ist ihr ältester Jugendfreund. Auch er ist verheiratet und mit seiner Familie in der Nähe von Cap Code. Obwohl Elle eigentlich glücklich mit Peter verheiratet ist und sie mit ihren drei Kindern ihren Sommerurlaub genießen, begehrt sie Jonas.

„Ich liebe ihn und hasse mich. Ich liebe mich und hasse ihn. Das Ende einer langen Geschichte.“

Dieser Satz auf den ersten Seiten ist bereits eine gute Zusammenfassung für das gesamte Werk. Zwei Menschen – Jonas und Elena – die sich seit ihrer Kindheit lieben, aber wegen einer schicksalhaften Tat, die sie als Kinder begangen haben, es sich nicht erlauben, ihre Liebe zu leben. Um diese beiden Personen, das Geheimnis, das sie teilen und ihre Entscheidung nun als Erwachsene, dreht sich die Geschichte. Erzählt wird nicht linear. Und genau das macht den Roman aus: Die vielen einzelnen Erzählstränge auf verschiedenen Zeitebenen und ganz verschiedenen Orten, die alle mit Elle zu tun haben. Elles Geburt und Kindheit, Rückblenden in das Leben ihrer Mutter und Großmutter, ihre Beziehungen zu ihrem Vater, zu den Stiefvätern und natürlich zu ihrer Schwester Anna. Wir erfahren, wie Elle Jonas begegnet, wie eine unbefangene Kindheit schlagartig endet, wie das Leben aus den Fugen gerät. Dann trifft Elle in London Peter. Sie verlieben sich. Heiraten. Ihr Leben und ihre Ehe scheinen perfekt. Aber Elle wird immer wieder von ihrer Vergangenheit eingeholt – den düsteren Ereignissen einerseits und ihren starken Gefühlen für Jonas andererseits. Wie kann sie mit dem, was war, ihren Frieden machen?

Die Themen liegen von Anfang an auf der Hand: alleinerziehende Mütter, abwesende Väter, Vernachlässigung, sexuelle Gewalt, Schuld, Leidenschaft und Liebe, Tragik und Glück. Auch wenn die Elle, die eine Entscheidung zu treffen hat, bereits in der Mitte des Lebens angekommen ist, handelt ihre Geschichte eigentlich vom Erwachsenwerden.

Dies ist kein Liebesroman. Und doch fokussiert sich das Ende auf eine Entscheidung aus Liebe und Leidenschaft. Wenn es etwas zu kritisieren gibt, dann das Ende. Ich musste an die Brücken am Fluss denken und den tragischen Ausgang, als Meryl Streep/Francesca im Auto sitzt und den Griff umklammert, kurz davor, die Tür aufzureißen, aus dem Auto zu springen und Clint Eastwood/Robert hinterherzurennen. Aber sie tut es nicht.

Elle und Jonas hatten sooft die Chance gehabt, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben, hatten die Möglichkeit, sich füreinander zu entscheiden. Ja, klar, da stand dieses „Geheimnis“ zwischen ihnen. Aber wenn doch ihre Liebe so groß und die gegenseitige Anziehung so stark war – immer schon – hätten sie dann nicht andere Optionen gehabt, viel früher? Sehenden Auges sind sie immer weiter marschiert. Bis zu diesem Sommer. Ich fand es sehr einsichtig, dass Elle mit dem, was ihr als Kind angetan wurde und was sie daraufhin getan oder vielmehr unterlassen hat, ihren Frieden finden musste.

Den Kitsch am Ende hätte es nicht gebraucht. Meine Meinung.

Aber okay: Ja, der Papierpalast ist ein sehr lesenswertes Buch und auch als Hörbuch wunderbar eingesprochen von Vera Teltz. Keine Ahnung, ob es DAS Buch des Jahres ist. Aber es gehört auf jeden Fall auf meine persönliche Bestenliste.

Der Papierpalast im Hardcover bei Ullstein Buchverlage

Der Papierpalast als Audible Hörbuch

WDR Buchtipp

NDR Buchtipp

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