Aussortiert

Entgegen meinen Leseplänen für den Sommer bin ich durch die Frage „Können Bücher verderben?“ auf die vielen noch ungelesenen Bücher gestoßen, die ich angehäuft habe. Von ihnen haben sich nun zwei weitere auf meine Sommerleseliste geschoben – beide haben mich leider nicht überzeugt. Da es mir mehr Freude bereitet, Bücher vorzustellen, von denen ich selbst begeistert war, gibt es diese beiden nun in einem Beitrag als Doppelpack der aussortierten Bücher. Vielleicht seht Ihr es aber auch anders – und Ihr wollt Euch ein eigenes Bild machen.

Im dunklen, dunklen Wald

Ich fange mit einem „Thriller“ von Ruth Ware an. Ich hatte am Ende des letzten Blogbeitrages geraten, lieber einen spannenden Krimi von z. B. Ruth Ware zur Hand zu nehmen als den neusten Isle&Rizzoli-Krimi von Tess Gerritsen. Ich selbst bin meinem Rat gefolgt und habe mir Ruth Wares ersten ins Deutsche übersetzten Roman aus dem Jahr 2018 vorgenommen: Im dunklen, dunklen Wald. Originaltitel: In a dark dark wood. Was für ein Finte! Der Wald spielt nun wirklich nur eine Statistenrolle. Die Assoziationen, die hier geweckt werden, laufen ins Leere.

Der Plot: Nora lebt zurückgezogen in einem kleinen Apartment in London. Sie ist noch keine Dreißig, wirkt aber dennoch, als hätte sie mit dem Leben bereits abgeschlossen: keine Freunde, keine Liebhaber, keine Abenteuer … dafür hat sie mit Anfang 20 erfolgreich einen Krimi veröffentlicht und kann ihr Leben mit dem Schreiben von Kriminalromanen bestreiten. Von ihrer alten Schulfreundin Clare wird Nora zum Junggesellinnenabschied eingeladen. Sechs Frauen fahren zu diesem Anlass in ein abgelegenes Haus im Wald, um das Wochenende gemeinsam zu verbringen. Das Haus, in das sie fahren, ist allerdings kein Waldhütte, sondern ein modernes Glashaus mit großen Fensterfronten. Nora fühlt sich dort unter ständiger Beobachtung. Sie fühlt sich unwohl. Sie hat keine Ahnung, warum Clare sie eingeladen hat, schließlich haben die beiden sich seit 10 Jahren nicht mehr gesehen. Und weder den Protagonistinnen noch mir als Leserin erschließt sich wirklich, warum Nora diese Einladung angenommen hat. Clare und Nora teilen eine gemeinsame Schulzeit, über die in Rückblicken manches erzählt wird.  Durch Andeutungen erfahre ich, dass es zwischen den beiden Frauen wegen eines Mannes zum Zerwürfnis kam. Noras erste Liebe James wird der zukünftige Ehemann von Clare. Was ist vor zehn Jahren geschehen?

Die Bedrohung kommt nicht aus dem Wald. Sie kommt von den Personen, die miteinander auf engem Raum an einem Ort „eingesperrt“ sind. Meine Frage:  Kann das „Trauma“ der ersten Liebe der Auslöser für tragische, ja mörderische Verwicklungen zehn Jahre später sein? Offenbar ja, aber plausibel erzählt wird es nicht.

Ein schwacher Erstling von Ruth Ware. Alle anderen bisher gelesenen Romane von ihr fand ich sehr gut.

Vernichten

„Vernichten“ von Michel Houellebecq erschien Anfang des Jahres. Nachdem ich schon „Serotonin“ nur gekauft, aber nicht gelesen habe (!), hatte ich mir vorgenommen, dass mir das mit diesem Werk nicht passiert. Sofort habe ich mich ans Lesen gemacht – bin dann sogar noch aufs Hörbuch umgestiegen, das der großartige Christian Berkel eingesprochen hat. Immerhin handelt es sich um 624 Seiten. Ich schaffe zeitlich immer mehr, wenn ich zwischendurch noch Hörbuch höre und an einem Stoff dranbleiben kann. Ein guter Plan. Aber allein, dass es mehr als ein halbes Jahr gedauert hat, bis ich über den Roman hier schreibe, sagt bereits alles.

Der Plot: Der Roman spielt kurz vor den Präsidentschaftswahlen 2027 in Frankreich. Er beginnt mit einem verstörenden Fake-Video, das die Enthauptung des Wirtschaftsministers Bruno Juge zeigt. Das Video wirkt beunruhigend real. Auch Paul Raison, der für Juge arbeitet und mit ihm befreundet ist, ist entsetzt. Wer steckt hinter dem Video? Eine Terrorgruppe? Als Leserin bin ich sofort auf politischer Spurensuche – und das beschriebene Szenario wirkt bedrückend real. Obwohl Paul damit betraut wird, die Urheberschaft des Videos aufzuklären, tritt dieser Erzählstrang immer mehr in den Hintergrund. Dafür rückt Pauls persönliche Situation in den Vordergrund. Paul scheint ein einsamer, langweiliger und gelangweilter Mann mittleren Alters zu sein, dessen Leben dahinplätschert. Mit seiner Frau Prudence teilt er noch die Wohnung, aber schon seit sehr langer Zeit nicht mehr das Bett. Die Ehe steht vor dem Aus. Auch zu seiner Familie, vor allem seinem alten Vater, hat Paul kaum Kontakt. Das ändert sich, als sein Vater einen Schlaganfall erleidet. Im Lauf des Buches erlebt man mit, wie Paul sich langsam wieder an seinen Vater und auch an Prudence annähert. Paul und Prudence können ihre Gefühle zueinander wieder aufleben lassen (das kommt einem Wunder gleich!), auch Sohn und Vater kommen sich näher. Dafür erhält Paul selbst am Ende eine tragische Diagnose …

Es geht ums Altern mit allen Facetten: Um Krankheit, Sterben und Tod, es geht um Nähe und Distanz, Liebe und Sexualität – und auch um Religion. Dafür, dass Houellebecq nicht religiös erzogen wurde, stellt er doch religiöse Fragen und auch „Gott“ ist Thema hier und dort. Doch der Kit, der alles zusammenhält, ist die Melancholie. Paul deprimiert mich zutiefst. Ich muss das leider so sagen.

Michel Houellebecq bietet „große Erzählkunst trotz seiner Weitschweifigkeit“ resümiert Alexander Solloch bei NDR Kultur. Sigrid Brinkmann nennt es „kalkulierte Langeweile“ Ich fand es irgendwann nur noch mühsam. Viele Befindlichkeiten, wenig Handlung. Ich habe mich gefühlt wie in einer Aufführung von „Warten auf Godot“: Ich habe gewartet, gehofft, doch nichts geschieht. Mein Warten läuft ins Leere. 624 Seiten – ich habe nicht durchgehalten. Aber bitte, lest selbst! Der Roman wurde vom Feuilleton sehr gelobt, vielleicht bin ich die eine Irrende.

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