Enten und Schwäne

Die Tür ist von innen mit bunten Graffitis beschmiert. Einer hat damit begonnen, andere fühlten sich berufen, es ihm gleich zu tun. Ein Wirrwarr aus Strichen und unfertigen Schwüngen, fahrig, in Eile, dann abgebrochen. Noch nicht einmal unvollendet kann ich es nennen, denn dazu hätte ich erkennen müssen, was es einmal werden sollte. Krakelei. Nichts weiter. Es stellt nichts dar. Der schwarze Balken quer über dem Geschmiere hätte von mir stammen können. Trotzdem halte ich jedes Mal kurz inne, bevor ich die Türen aufdrücke. Schließlich bin ich nicht in Eile. Ganz und gar nicht. Wenn die Sonne von der Schönhauser Allee auf die Fassade knallt, leuchtet auch das profanste Graffiti wie die Fenster der Gedächtniskirche. Dann greife ich zum Smartphone und halte den Moment fest. Man weiß nie: #nichtallesistKunstaberesistBerlin. Dass ich ständig Fotos schieße, schließt mich aus der Gemeinschaft der Einheimischen aus. Die Touristin. Oder die Zugereiste. Das bin ich. Zumindest keine Schwäbin, aber das ist mittlerweile egal. Der Hype um die Schwaben ist vorbei. Es reicht, aus Westdeutschland zu kommen. Dabei wohne ich im nicht gentrifizierten Randgebiet. Das Leben hat mich in die Hauptstadt gespült. Aber nicht nach Dahlem, Westend oder Prenzelberg. Auch Neukölln, Kreuzberg oder Friedrichshain sind noch zu hip. Ich wohne fußläufig zur Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik. Und das sagt schon alles, was man über diese Gegend wissen muss.

Ich schweife ab. Denn wenn ich durch die Graffiti beschmierte Tür vom Hinterhof auf die Schönhauser trete, habe ich eine dreistündige Metamorphose hinter mir: #gönndir. Alle zwölf Wochen steige ich mit Alkoholikern, Harzern und Asylantragstellern in die U8 und steige mit Touris an der Weinmeisterstraße aus. Auf Englisch bestelle ich mir einen Ristretto, schlendere mit einem Ingwer-Spinat-Smoothie die achthundert Meter Richtung Osten, um im VIP-Bereich eines Haarartisten meine Verwandlung anzutreten. In Porzellantässchen aus Flohmarktbeständen wird mir ein Cappuccino gereicht. Mit normaler Milch. Normal bedeutet hier, dass der Kaffee ausschließlich mit Hafermilch serviert wird. Ich nippe daran. An der Stelle, wo der Goldrand fast vollständig abgeblättert ist. Der Kaffee ist lau – und ich genieße ihn, obwohl die Hafermilch den Geschmack verwässert und ich sonst nie koffeinhaltige Milchmixgetränke zu mir nehme. Beim Frisör mache ich eine Ausnahme. Eindeutig ist das den Tassen geschuldet. Man weiß nie, welches Dekor man bekommt. Ich umschließe das feine Porzellan mit beiden Händen und lausche den Ausführungen meiner Haardompteuse, ohne ihr wirklich zu folgen. Sie weiß wohl, was sie tut.

Nachdem ich die Farbe auf dem Kopf habe, wird mir ein Prosecco angeboten. Ich lehne nicht ab. Dazu muss ich noch nicht einmal auf die Uhr sehen: #dafüristesniezufrüh. Im Hinterhof als hässliches Entlein wartend lässt sich mit Alkohol komfortabel die Zeit verbringen. Ich greife nie eine Zeitschrift. Zeitschriften gehören ausgestellt in Museumsvitrinen: #dasistsoneunziger. Ich beobachte viel lieber. Ich stelle mir vor, ich bin ein Teil von all dem. Keine Beobachterin. Ich gehöre dazu. Über mir hängt Wäsche. Ein weißes Hemd, eine bunte Kinderhose. In der dritten Etage hat jemand eine spanische Flagge gehisst. Gegenüber sind die Fenster zum Schutz vor der Sonne von innen mit Karton abgeklebt. Während das in meinem Bezirk ein sicherer Ausweis für Hausbesetzertum oder Verfall wäre, gilt es hier als schick – ein Ausdruck von Lässigkeit: #werbrauchtschonGardinen.

Deine Haare sind zu trocken. Das höre ich alle drei Monate. Ich betrete mit Strohhaaren den Laden. Lasse mir vom Master of Irgendwas eine Kur auf den Kopf massieren und gehe mit seidig glänzenden Haaren hinaus in die Hauptstadt. Natürlich nutze ich zwischendurch keine Extrapflege. Der größtmögliche Vorher-Nachher-Effekt. Warum sonst so viel Geld ausgeben?

Im Gleichklang mit meiner Gemütslage schreite ich beschwingt aus. Sicher steht mir ein dümmliches Grinsen ins Gesicht geschrieben. Niemand läuft grinsend durch Berlins Straßen. Du handelst dir nur ein paar bissige Kommentare ein. Ich arbeite dagegen an, aber es gelingt mir nicht. Die Mundwinkel gehorchen nicht. „Kiek, wo du hinloofst!“, schimpft ein Radfahrer. Hinter mir schwingt die Tür zurück und fällt krachend ins Schloss.

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