Blindes Eis

Ich steige mit einer Superlative ein: Ragnar Jónassons „Bücher werden in 21 Sprachen in über 30 Ländern veröffentlicht und von Zeitungen wie der »New York Times« und »Washington Post« gefeiert.“

Er ist außerdem Begründer der „Iceland Noir“, einem Crime Writing Festival in Reykjavík. Seine Bücher sind mega erfolgreich, werden gut besprochen und seine HULDA-Trilogie habe ich geliebt. Und so freue ich mich jedes Fall, wenn ein neuer Krimi von Jónasson erscheint. „Blindes Eis“ habe ich gerade beendet – als Hörbuch.

„Blindes Eis“ ist der dritte Band aus der Dark-Iceland-Reihe. Die Reihe dreht sich um den Polizisten Ari und die Journalistin Jorun, deren Geschichten sehr locker miteinander verwoben sind. Ari arbeitet in „Blindes Eis“ an einem Cold Case.

In den 1950er Jahren ist eine Frau in einem sehr abgelegenen Teil von Siglufjörður durch Gift umgekommen. Die Frau schien an Depressionen zu leiden. Sie war zusammen mit ihrem Mann und ihrer Schwester und deren Ehemann hoch in den Norden gezogen – in die Einsamkeit von Schnee und Eis. Was ist damals genau geschehen? Was hat die beiden Paare wirklich veranlasst, ein beschwerliches Leben auf dem Land der Stadt vorzuziehen? Bis heute gibt es Fragen zu den Umständen. Auf der Suche nach Antworten besucht Ari eine alte Dame, die als junge Frau das abgelegene Tal besucht hat. Zu Aris Überraschung gibt es von diesem Ausflug Filmmaterial. Ari entdeckt Ungereimtheiten und Unstimmigkeiten in alten Zeugenaussagen. Von einer mittlerweile hochbetagten Hebamme erfährt er ein entscheidendes Detail, das sich damals zugetragen hat. Langsam setzt sich ein plausibles Bild zusammen.

Isrun recherchiert parallel zu Aris Ermittlungen an einem aktuellen Fall von Kindesentführung. Dieser Fall wiederum führt sie zurück zu einer Fahrerflucht mit Todesfolge, einem Überfall auf eine junge Frau – und einem Drogenabhängigen mit Kontakten zu hohen Regierungsbeamten…

Die Story wirkt recht komplex und lässt sich nur schwer in aller Kürze zusammenfassen. Dabei ist sie gar nicht so kompliziert und vielschichtig. Denn die Geschichte webt verschiedene Fälle ineinander, die gar nichts miteinander zu tun haben. Ich bin ein großer Ragnar Jonasson Fan, aber ich muss zugeben, dass ich diesen Teil der Dark Iceland Reihe noch schwächer fand als den letzten. Ari ist wirklich ein Sympathieträger. Das reißt vieles raus. Aber die ständigen Perspektivwechsel und die völlig verschiedenen Erzählteile bleiben bis zum Schluss unverbunden nebeneinander stehen. Auch die Auflösung des Cold Case Falls wirkt so furchtbar konstruiert und letztlich belanglos – mir ist nicht klar, warum in diesem Fall überhaupt ermittelt wurde. Alle Beteiligten sind tot. Nur ein Mann, zur Zeit des Mordes war er noch ein Baby, hat einen persönlichen Bezug zu den Ereignissen aus den 1950er Jahren. Die Auflösung von Isruns Fall verläuft leider auch im Sand. Die politische Brisanz entwickelt keine weitere Sprengkraft. – Also alles, wie gehabt.

Doch bei aller Kritik: Ragnar Jónasson erzählt hart an der Wirklichkeit. Das Leben schreibt auch keine konstruierten Thriller a la Fitzek und Co. Ragnar Jónasson beschreibt das Klein-Klein der Detektivarbeit. Kein Showdown, kein großer Knall, keine Schwarz-Weiß-Schurken. Hier geht es um Menschen, alle sehr nahbar, mit ihren eigenen Problemen, großen und kleinen. Der lange, dunkle Winter, Krankheiten, Beziehungen, Trennungen, Einsamkeit, Freundschaft – und Entscheidungen, die Menschen treffen, und die sich in der Rückschau als Fehler erweisen …

Dafür mag ich ihn dann doch, den isländischen Autor.

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