Tea Time

Ingrid Noll ist … – ja was? Eine Legende? Eine gute Schriftstellerin? Eine Bestsellerautorin? Ja. Das alles. Aber vor allem ist sie eine Autorin, die ich mit den 1990er Jahren verbinde. „Der Hahn ist tot“, „Kalt ist der Abendhauch“ und die „Apothekerin“ waren ihre ersten Bücher. Ich mochte sie sehr. Der schwarze Humor, ihre bösen Charaktere – und endlich einmal nicht die ewig gleichen, stereotypen Frauenbilder. Wunderbar auch die Verfilmung der Apothekerin mit Katja Riemann. Ich bin versucht, Ingrid Nolls erste Werke heute noch einmal zur Hand zu nehmen. Ob sie gut gealtert sind? Seit mehr als 20 Jahren habe ich kein Buch von ihr gelesen. Ich kann gar nicht sagen, warum ich sie aus den Augen verloren habe. Aber ihr neustes Werk „Tea Time“ hat den Weg zu mir gefunden.

Das nur am Rande …

… Ingrid Noll war nie weg. Ihr literarischer Durchbruch erfolgte spät, da war sie bereits 55 Jahre alt. Danach war sie sehr produktiv. Und auch in den vergangenen Jahren hat sie fleißig Romane geschrieben. Aber, wie schon erwähnt, hatte ich sie aus den Augen verloren.

Inhalt – „Tea Time“

Nina und Franzi leben in Weinheim – und zwar in unterschiedlichen Wohnungen im selben Mietshaus in der Innenstadt. Sie sind Freundinnen. Beide haben eine besondere Macke: Nina fotografiert am liebsten Unkraut, außerdem klaut sie. Wie eine Elster kann sie bei funkelnder Silberware nicht wiederstehen. Franzi hingegen kämmt gerne Teppichfranzen – bzw. sind Franzen Franzis Fetisch (!). Zu den beiden gesellen sich weitere Frauen, die besondere Ticks pflegen. Gemeinsam gründen sie den Club der Spinnerinnen. Aber überhaupt gibt es in Ingrid Nolls Roman ausschließlich Menschen mit ausgewachsenen Ticks wie z. B. Tante Karin, die eine Babypuppe behandelt, als sei sie ein echtes Baby, um das sie sich Tag und Nacht kümmern müsse. Das geht schon über schrullig hinaus.

Ninas Leben verläuft trist in sehr überschaubaren Bahnen. Sie ist Single, arbeitet in einer Apotheke und führt ein durch und durch langweiliges Leben. Dann verliert Nina ihre Handtasche. Der Finder meldet sich bei ihr. Doch die Taschenübergabe läuft aus dem Ruder. Denn der ehrliche Finder, Andreas Haase, versucht Nina zu erpressen. Er ist der Ex-Mann einer anderen Clubschwester. Leider ist er dem Alkohol verfallen. Nina gerät unter Druck, stößt Andreas Haase von sich weg, dieser fällt, Nina denkt, sie habe ihn umgebracht, sie flieht, nicht ohne etwas Hübsches aus Herrn Haases Wohnung mitgehen zu lassen – schließlich hat Andreas Haase früher in einem Juweliergeschäft gearbeitet. Andreas Haase ist aber (noch) nicht tot. Wütend steht er wenig später in Ninas Wohnung. Franzi kommt dazu. Dann kommt eine gehörige Menge Branntwein ins Spiel, Andreas fällt die Treppe hinunter (oder wird er gestoßen) und per Auto durch Weinheim kutschiert, um ihn irgendwo loszuwerden … Auch das überlebt Andreas Haase auf wunderbare Weise. Dafür stirbt jemand anderes, zunächst.

Das Unglück nimmt seinen Lauf. Und was soll ich sagen? Die knappe Zusammenfassung der Geschichte liest sich wesentlich interessanter als die Geschichte selbst. Die Charaktere sind allesamt so unsympathisch. So daneben. Niemanden davon möchte ich kennenlernen. Die Idee mit den Macken finde ich eigentlich wirklich gut. Aber leider so platt und überspitzt, dass rein gar nichts bleibt, was dazu beiträgt, dass mir die Hauptfiguren ans Herz wachsen. Nina bestiehlt und betrügt – und sollte sich bitte in Therapie begeben. Gemeinsam mit Tante Karin. Und dass Nina in einer Apotheke als PTA arbeitet und mit Giftkräutern als Teemischung experimentiert, ist auch nicht neu, sondern erinnert doch sehr an Ingrid Nolls großen Erfolg „Die Apothekerin“. Ansonsten wird recht „behäbig“, langatmig und umständlich erzählt. Nina wirkt auf mich wie die „typische graue Maus“ oder die „alte Jungfer“, wobei ich beide Begriff völlig aus der Zeit gefallen finde und sie nur aus der Mottenkiste hole, weil ich beim Lesen genau daran denken musste.

Klartext

„Tea Time“ knüpft für mich sprachlich und inhaltlich an die 1990er Jahre an. Nur leider ist das Werk nicht so „böse gut“ wie z. B. die „Apothekerin“. „Tea Time“ fehlt die Frische. Der Plot ist lau. Es ist kein Verlust, dieses Buch nicht zu lesen. Tut mir leid.

Ingrid Noll: Tea Time, Diogenes Verlag, Oktober 2022, 320 Seiten.

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