Unsterblich sind nur die anderen

Simone Buchholz ist eigentlich Krimiautorin. Mit ihrer Reihe um die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley ist sie bekannt geworden. Chastity. Ein außergewöhnlicher Name, eine außergewähnliche Heldin. Trinkfest. Schlagfertig. Und einstecken kann sie auch noch. Nun ist die Reihe auserzählt. Simone Buchholz hat das Genre gewechselt. Ihr aktueller Roman „Unsterblich sind nur die anderen“ lässt sich nicht so leicht einordnen, was ich gut finde (ich hasse das Schubladen-Genre-Denken). Um sich dennoch eine ungefähre Vorstellung von der Geschichte, auf die man sich einlässt, machen zu können, würde ich sagen, sie changiert zwischen Gesellschaftsroman, Fantasy und Mystery. Ich bin ohne diesen Hinweis in die Geschichte geschlittert – und das hat auch funktioniert.

Die Freundinen Iva und Malin brechen auf, um Malins Freund Tarik aufzuspüren. Tarik ist seit Wochen wie vom Erdboden verschluckt. Die beiden Frauen begeben sich auf Spurensuche. Tarik wollte mit Freunden ein Reise per Schiff nach Island unternehmen. Iva und Malin checken auf der MS Rjúkandi ein. Und bingo: Dort treffen sie auf die abgetauchten Männer. Es gibt keine Erklärungen dafür, warum Tarik sich so lange nicht gemeldet hat. Alle verleben gemeinsam ein paar ausgelassene Tage an Bord. Dann stellen die Frauen fest, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Die Männer können (und wollen) offenbar das Schiff nicht verlassen. Es ist ihnen schlicht nicht möglich. Iva fallen nach und nach immer mehr Absonderlichkeiten auf. Die Crew gibt Iva Rätsel auf. Alle sind jung und schön. Und irgendwie „anders“: Im Bruchteil von Sekunden ändert Barfrau Sheila ihre Gestalt. Ihr Haar scheint lebendig zu sein. Ihre Haut schimmert, ihre Augen wechseln die Farbe. Sind das Sinnestäuschungen? Liegt das an den Tabletten gegen Reisekrankheit, die Iva nimmt?

Während sich Malin an den seltsamen Vorgängen nicht stört und das Leben an Bord genießt, zieht sich Iva immer öfter zurück, um auf der Reling eine Zigarette zu rauchen und den Kopf frei zu bekommen. Dort begegnet sie Richard, dem Kapitän des Schiffes. Richard gefällt ihr. Nachdenklich, melancholisch, fast traurig wirkt er auf sie. In ihm findet Iva einen Gesprächspartner, einen Freund – und vielleicht mehr? Doch auch Richard birgt ein Geheimnis.

Die Geschichte triftet immer mehr ins Surreale ab. Simone Buchholz entwirft eine Parallelwelt, die inspiriert ist von Legenden und Mythen um Wassergöttinnen. Sie sind die Unsterblichen, die die Menschen an Bord in ihren Bann gezogen haben. Sie beherrschen sie. Dafür partizipieren die Menschen nun an der göttlichen Unsterblichkeit. Verletzungen und Krankheiten heilen. Den lieben langen Tag wird getanzt, getrunken, gefeiert oder „gesegelt“ – ein Synonym für „Sex haben“. Das alles wirkt auf den ersten Blick wie ein wunderbares Paradies, ein sorgenfreies Leben. Nur Iva kann sich mit diesem neuen Leben nicht arrangieren. Sie ist fasziniert davon und gleichzeitig abgestoßen. Und sie vermisst ihre neunjährige Tochter. Sie kann nicht für immer und ewig auf der MS Rjúkandi bleiben …

Liebe. Leben. Tod. Unsterblich möchte ich nicht sein. Nicht dem Leben mehr Jahre, sondern den Jahren mehr Leben möchte ich geben. Tiefgang anstatt für immer in seichten Gewässern zu dümpeln. Mich hat das Buch gut unterhalten. An manchen Stellen fand ich es zu schräg (eigentlich kann es für mich sonst nicht schräg genug sein…) – z. B. als dann auch noch die Titanic ins Spiel kam. Auch die Wassergöttinnen kamen, finde ich, etwas zu kurz. Recht oberflächlich wurde hier mit den Legenden und Mythen umgegangen. Dennoch: eine überraschend andersartige Geschichte. Lesenwert.

Ach ja, und vorsicht mit Buddelschiffen! Jetzt weiß ich, warum mir diese bisher immer suspekt waren, offenbar zu recht! Ich wünsche gute Unterhaltung mit „Unsterblich sind nur die anderen“.

Simone Buchholz: Unsterblich sind nur die anderen, Suhrkamp Verlag, September 2022.

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