Kleine Morde unter Köchen

Leseprobe

Tag des deutschen Butterbrotes

 

»Wer Fleisch essen will, muss auch ein Tier töten können.« Mit diesen Worten hatte sein Vater ihm die erste Patrone in die Hand gedrückt. Neun mal siebzehn Millimeter. Seitdem befand sich immer eine in seiner rechten Hosentasche. Er würde nicht sagen, dass es sich um einen Talisman handelte, aber die kleine Bohne half ihm, seine Gedanken zu ordnen. Auch jetzt zog es seine rechte Hand in die Hosentasche. Er ließ den glatten und wohlgeformten Stahlzylinder durch seine Finger gleiten. Dann umschloss er die Patrone und zog die Hand hervor. Seine Linke griff in den Koffer, nahm das Gerät. Er öffnete das Köpfchen, legte das Geschoss ein und klappte den Aufsatz wieder zu. Sein ungebetener Gast redete immer noch. Dabei hatte er das oberlehrerhafte Geschwätz so satt! Was wusste denn der schon? Dieser Schwachkopf! Er entsicherte das Geschoss, drehte sich um, setzte das Gerät zwischen die weit aufgerissenen Augen seines Gegenübers, aus denen Überraschung sprach statt Angst. Ohne zu zögern, betätigte er den Abzug. Die Feder drückte den Bolzen in die Stirn und zog sich mit gleicher Wucht wieder in ihr dunkles Refugium zurück. Der Betäubte sackte in Zeitlupe in sich zusammen. Seine Augen starrten ins Leere, ein Ausdruck, als sei die Zeit stehen geblieben, was für den Mann am Boden in gewisser Weise zutraf, denn obwohl er noch nicht tot war, spielte Zeit für ihn keine Rolle mehr. Das Geschoss hatte sein Hirn irreparabel verletzt.

 

Wenige Tage später …

 

Maxie riss eine neue Packung quietschgelber Gummihandschuhe auf, zog sie über und schliff das Messer. Hilde beobachtete die Szene, bereit, Maxie eine Küchenschürze oder wenigstens ein Tuch zu reichen. Es war für sie nur schwer zu ertragen, dass ihre Chefin sich weigerte, ordentliche Arbeitskleidung zu tragen, eine, die man, wenn nötig, bei 90 Grad kochen konnte. Aber nein, die Dame trug ja ausschließlich teure Fetzen. Und das am Herd. Nur Handwäsche oder Reinigung. Gerade griff Maxie nach der Roten Bete. »Lass mich das machen«, bot sich Hilde schnell an. Sie konnte sich ausmalen, dass sie es auch dieses Mal nicht schaffte, ihr schönes Kleid nicht zu ruinieren. Aber Maxie wehrte ab. »Wofür habe ich denn diese Dinger hier?« Sie hielt ihre behandschuhten Hände in die Höhe.

»Ich geb’s auf.« Hilde seufzte. »Die Finger willst du dir nicht schmutzig machen, aber sonst hast du keine Skrupel.«

Maxie warf ihre eine Kusshand zu. Dann verzog sie das Gesicht. »Das ist eklig mit Gummihandschuhen!« Sie lachte. Das war auch wirklich die einzige Tätigkeit, für die sie die brauchte. Schließlich wollte sie ihren Gästen später nicht mit dreckigen Fingern die Speisen servieren. Konzentriert schnitt sie die Kugel in hauchfeine Scheiben. Unterlage und Handschuhspitzen färbten sich in Sekundenschnelle rot. Es war eher ein dunkles Beerenrot als ein richtiges Blutrot, fand Maxie. Das Telefon klingelte.

»Soll ich rangehen?«, fragte Hilde, aber Maxie schüttelte den Kopf. Konzentriert drapierte sie die Scheiben wie einen Fächer auf dem weißen Porzellan. Beim letzten Scheibchen zog sie einen Tropfen des ausgetretenen roten Safts mit, der die ersten feinen Spritzer auf dem Gucci-Kleid hinterließ. Maxie war es gar nicht aufgefallen, aber Hilde schlug sofort die Hände über dem Kopf zusammen. »Ich hab’s gewusst!« Obwohl ihr eigentlich klar war, dass sie den Fleck nur tiefer in den Stoff einreiben würde, tränkte sie den Zipfel eines Geschirrtuches mit Wasser.

»Soll ich?« Maxie deutete auf die Blumen.

Sofort ließ Hilde das Tuch sinken und reichte ihr eine orangefarbene Dahlie. Maxie zupfte ein paar Blütenblätter ab und ordnete sie zusammen mit etwas Giersch über dem Carpaccio an. Zum Schluss träufelte sie Vinaigrette darüber und setzte eine kleine Kugel Räucherfischmousse in die Mitte des roten Fächers.

Im Radio berichtete der Moderator gerade vom Verschwinden des Fernsehkochs Wolf Schumann.

»Als hätte die Welt keine anderen Probleme«, sagte Maxie.

Hilde drehte die Lautstärke auf.

»Seit Sonntag wird der beliebte Fernsehkoch Wolf Schumann vermisst. Seine Ehefrau, Schauspielerin Veronika Maier, hatte am Montag die Polizei informiert. Noch ist unklar, welche Umstände zu seinem Verschwinden geführt haben. Aus Insiderkreisen drangen Gerüchte um einen möglichen Burn-out Schumanns an die Öffentlichkeit. Es wird spekuliert, ob er sich vielleicht aus gesundheitlichen Gründen eine unfreiwillige Auszeit nehmen musste. Hot-spot-tv nahm dazu bislang keine Stellung, kündigte aber an, die Hauptstadtköche auch ohne Schumann erst einmal fortzusetzen.«

»The show must go on«, murmelte Maxie vor sich hin und beendete die Arbeit am nächsten Teller. »Kann man das so lassen?« Maxie musste jetzt einen Gang hochschalten, wenn sie nicht ganz und gar in Verzug geraten wollte.

»Hilde?«

Aber Hilde reagierte immer noch nicht. Mittlerweile waren die Nachrichten beendet und ein Moderatorenpaar plauderte weiter belangloses Zeug.

 

»Hast du gehört, Juri? Die suchen nach einem Ersatz für Schumann«, nahm die Moderatorin den Faden auf.

»Und?«, fragte ihr Kollege zurück.

»Wäre das nichts für dich?«

»Du meinst, sie stehen auf Nudeln mit Ketchup?«

Hilde lachte und drehte die Lautstärke wieder etwas zurück. »Da bin ich jetzt aber auch gespannt, wer Schumanns Platz einnehmen wird.«

»Mich fragt ja keiner«, sagte Maxie, lachte und besah sich das farbenfrohe Kunstwerk auf dem Teller. »Ich würde es machen.«

»So weit kommt es noch!«, entrüstete sich Hilde. »Und was wird dann aus mir und der Rothardhöhe?«

Darauf gab Maxie keine Antwort. Stattdessen deutete sie mit dem Zeigefinger in Richtung Küchentür. »Da draußen sitzen hungrige Gäste, die auf ihr Essen warten. Und es müssen noch 20 Teller angerichtet werden. Und das pronto!«

»Himmelherrgott. Dann lass mich doch endlich etwas tun und die nächsten Knollen schneiden!«

Maxie gab nach und reichte Hilde das Messer. »Aber butterbrotpapierfein!«

Diese Anweisung war völlig überflüssig, denn Hilde wusste, was sie tat. Sie war vermutlich die einzige Person, mit der Maxie reibungslos in der Küche zusammenarbeiten konnte. Und Hilde wiederum war die Einzige, die Maxies Macken bedingungslos ertrug. Das Telefon klingelte erneut. Maxie ignorierte es. Wer etwas von ihr wollte, durfte sie nicht beim Kochen stören. Nun war sie es, die das Radio lauter stellte. On the Run. Der Elektro-Pop gab den Takt vor. Quasi wie von selbst füllten sich die nächsten Teller und ein rot-gelb-oranges Farbenmeer breitete sich vor ihnen aus. »Wie gemalt«, schwärmte Maxie und griff sich mehrere Teller. Sie ließ es sich nicht nehmen, hin und wieder selbst etwas an den Tischen zu servieren und sich davon zu überzeugen, dass es ihren Gästen an nichts fehlte.

In der Küche bereitete Hilde unterdessen alles für den nächsten Gang vor. Die Arbeitsflächen zum Anrichten waren blitzblank poliert. Die Teller für die selbst gemachten Gnocchi wärmten vor. Behutsam legte Hilde die italienischen Kartoffelklößchen ins heiße Wasser. Fehlte nur noch das Aroma der Tonkabohne. Maxie ließ eine gute Prise der getrockneten Frucht über eine Reibe ins Wasser rieseln. Zarter Duft nach Marzipan und Bittermandel breitete sich aus. Das Telefon klingelte noch einmal.

Hilde sah Maxie flehend an. »Nervt dich das nicht?«

Maxie erbarmte sich, legte die Reibe aus der Hand und nahm das Gespräch an. »Sie haben eine Minute für Ihr Anliegen! In drei Minuten müssen die Gnocchi aus dem Wasser!«

Während Hilde die Arbeitsplatte säuberte, begann Maxie, in der Küche auf und ab zu gehen. Ihre Antworten waren einsilbig. Als sie das Telefonat beendete, sah sie blass um die Nase aus.

Hilde ließ das Putztuch sinken. »Ist jemand gestorben?«, fragte sie besorgt.

Maxie atmete einmal tief durch, stieß dann einen Freudenschrei aus und fiel der erschrockenen Hilde um den Hals.

»Du hast im Lotto gewonnen?«

»Ganz heiß«, sagte Maxie lachend und ließ Hilde endlich los. »Ich darf als Gastköchin bei den Hauptstadtköchen auftreten. Ich fahre nach Berlin. Ich koche in der ersten Liga der Fernsehköche!«

Noch nicht einmal die Gnocchi, die sich langsam in kleine Kartoffelflöckchen auflösten, konnten ihrer guten Laune etwas anhaben.

 

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