Verstörung inklusive

Dieses Buch war – wie sooft bei mir – ein Spontankauf. Ich habe es nicht bereut. Und das ist zunächst einmal dem Cover von Tom Darracott (unbedingt googlen!) zu verdanken. Große exotische Orchideenblüten in Pink- und Rottönen auf einem dunklen geheimnisvollen Hintergrund. Erst auf den zweiten Blick (oder etliche danach…) bemerkte ich die Zunge an der unteren Blüte und ein Stück rohes Fleisch oben links, dazwischen die Finger einer zarten Hand. Eine gute Portion Verstörung. Und schon bin ich mittendrin in der Geschichte der jungen Hong-Yue, die von einem auf den anderen Tag beschließt, kein Fleisch mehr zu essen. Damit bricht sie nicht nur mit den Essgewohnheiten ihrer Familie, sondern auch mit dem Leben, das sie bis dahin geführt hat.

Eine stille, aber konsequente Auflehnung, die bei ihrem gefühlskalten Ehemann erst Unverständnis, dann Wut hervorruft. Die Situation eskaliert, als der Vater seine Tochter zum Fleischverzehr zwingen will. Hong-Yue verletzt sich selbst und wird fortan als psychisch labil, als Kranke, behandelt. Nur ihr Schwager, ein erfolgloser Künstler, schätzt ihre Andersartigkeit. Er begehrt sie. Um ihr nahe zu sein, bittet er sie um die Mitarbeit an einem Kunstprojekt. Er bemalt ihren Körper mit großen Blüten, filmt und fotografiert sie. Die beiden schlafen miteinander. Hong-Yue bleibt bei allem seltsam – ja verstörend – unberührt. Es ist, als lebe sie längst in ihrer eigenen Welt.

„Meine Schwiegermutter konnte Sashimi aus lebenden Fischen zubereiten, und ihre beiden Töchter, meine Schwägerin und meine Frau, beherrschten die Kunst, Hühnchen mit einem großen Fleischmesser zu tranchieren. Ich hatte den Pragmatismus meiner Frau geschätzt, die nicht gezögert hatte, Schaben mit der bloßen Hand zu zerquetschen. War sie etwa doch nicht die durchschnittlichste Frau der Welt, die zu finden ich mir so viel Mühe gegeben hatte?“

„Die Vegetarierin“ ist keine leicht zu verdauende Kost, dafür aber reichhaltiges Gedankenfutter!

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15. August 2016, Aufbau Verlag, 190 Seiten

2 Kommentare

  1. Und ich habe es immer noch nicht gelesen. 🙈 Aber von der Guten kommt auch schon wieder das nächste Buch. Du würdest also wieder zugreifen?
    Liebe Grüße auch an dieser Stelle. (Und witzig, dass wir uns für das gleiche Theme entschieden haben.)

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    1. Ja, ich würde es wieder tun – hebt sich mal von den anderen Büchern ab, weil es in so einem ganz anderen Kulturkreis spielt – allerdings eben mit einer (für mich) „beklemmenden“ Grundstimmung… Manchmal lese ich das dann ganz gern. 😉 Ich glaube, mittlerweile gibt es das Buch auch als Taschenbuch – Liebe Grüße!!!

      Gefällt 1 Person

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