Alles unter Kontrolle

Mein März-Highlight 2016

Der Hype um die Popliteratur hat mich relativ kalt gelassen. Relax, Faserland, Soloalbum – ich habe sie in den 1990ern gelesen, kaum eins bis zum Ende. Wenig Inhalt, dafür scheinbar ungefilterte sprachliche Ergüsse (oder schon Durchfall?). Die Protagonisten kamen wie ihre Erfinder daher: überdreht, nicht selten von Drogen benebelt, um sich selbst kreisend. Teile des Literaturbetriebs schienen plötzlich in die Pubertät gestolpert zu sein, die ja – ich gebe zu – eine wichtige Entwicklungsphase ist, nur wohin entwickeln, zu was oder zu wem werden?

Zu Panikherz. Benjamin von Stuckrad-Barre hat eine Autobiographie veröffentlicht. Etwas früh, möchte man meinen für jemanden, der 1975 geboren wurde. Fast zu spät, wenn man bedenkt, wie selbstzerstörerisch er bis dato gelebt hat. Wie hat er es geschafft, nicht draufzugehen? (…impliziert diese Frage bereits eine große Portion Voyeurismus? – vermutlich schon) Dabei scheiterte ich fast am Kauf. Ich dachte, na, wenn der Stuckrad-Barre ein neues Buch hat, dann liegt das in der ersten Reihe der Büchertische… Aber da waren zunächst keine Stapel. In den ersten drei Buchläden versprach man, das Buch umgehend zu bestellen (gerade erschienen und noch nicht geordert? Echt jetzt?) und in der letzten Buchhandlung gestand man: „Das ist mir zu harter Stoff.“ Keine Panik, sagte ich mir, jetzt erst Recht!

Buch wie Autor sind der Popliteratur entwachsen. Hauchdünnes Papier, klein bedruckt, 576 Seiten, ein kompaktes Werk mit Stoff für mehrere Leben. Auf keiner Seite langweilig. Hier zieht jemand blank, ohne dass es peinlich wird. Eine klassische griechische Tragödie zum Chorus von Udo Lindenberg (Danke, danke, danke). Und am Ende steht eine Katharsis: das Leben und nicht der Tod. Alles wieder unter Kontrolle?

…ich mach‘ dich über Nacht zum Superstar
dich und dein Katastrophen-Orchester
Und dann reicht er mir das Glas, das volle
und sagt: Alles unter Kontrolle

(Udo Lindenberg: Jonny Controletti, 1976)

Panikherz, 10. März 2016, Kiepenheuer&Witsch, 576 Seiten

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