Zugvögel

Über diesen Roman aus dem letzten Jahr wollte ich längst berichten. Ich habe ihn zwischen Weihnachten und Silvester als Hörbuch gehört und muss sagen: Er zählt zu meinen Favoriten des Jahres 2020.

Der Roman ist besonders in vielerlei Hinsicht: Er ist intensiv, besitzt eine poetische Sprache, einen sperrigen Inhalt und kantige Personen, widmet sich einem wichtigen Thema und verfolgt eine klimapolitische Mission – obendrauf handelt es sich um ein sehr beeindruckendes Debüt. Charlotte McConaghys erster Roman ist nicht ohne Grund zum Bestseller avanciert.

„Die Tiere sterben. Bald sind wir hier ganz allein.“ So beginnt die Geschichte, die in einer verstörenden Zukunft spielt, in der das eingetroffen ist, was heute prophezeit wird: Durch die Klimaveränderung sterben Tiere, viele Tierarten sind bereits ausgerottet. Franny Lynch hat Seeschwalben mit Peilsendern ausgestattet, um ihre Route nachverfolgen zu können – vielleicht sind es die letzten ihrer Art.

Frannys Interesse für Vögel rührt von ihrer Beziehung zu Niall Lynch her. Er ist ein bekannter Ornithologe, der an der National University of Ireland in Galway lehrt. Das Paar könnte nicht ungleicher sein: Franny jobbt als Putzkraft an der Universität. Niall ist so etwas wie der Star in der akademischen Welt. Ihre Wege kreuzen sich – mehrfach. Franny fällt Niall durch ihre Unerschrockenheit und ihr selbstsicheres Auftreten auf. Die beiden werden ein Paar, sie heiraten, leben zusammen, obwohl Franny auch als Ehefrau nie aufhört, ihre eigenen Wege zu gehen und eigene Pläne zu schmieden (und manchmal einfach für Tage und Wochen zu verschwinden). Bis dahin dachte ich, die Geschichte wäre eine Liebes- oder Beziehungsgeschichte. Aber nein. Die eigentliche Geschichte beginnt, finde ich, damit, dass Franny aufbricht, um den Seeschwalben zu folgen. Sie tut dies allein. Überhaupt scheint Franny der einsamste Mensch auf der Welt zu sein … Später erst erfahren wir (ansatzweise)Gründe für ihr Handeln und dafür, dass sie die geworden ist, die sie ist.

Mit Frannys Aufbruch wird die Geschichte zu einem Seefahrer- oder Abenteuerroman. Sie trifft auf den verschrobenen und geheimnisvollen Kapitän Ennis Malone, den sie aus eiskaltem Meerwasser rettet, obwohl dieser gar nicht der Rettung bedarf (…oder doch?). Franny heuert auf seinem Schiff an, der Saghani. Vom Fischfang kann die Besatzung der Saghani kaum noch existieren. Es gibt so gut wie keine Fische mehr. Es ist eine Kunst, einen Schwarm aufzuspüren. Die Crew hofft, dass die Seeschwalben sie auf ihrem Weg übers Meer zu den Fischbeständen führen können. Franny hofft, dass die Vögel an ihrem Ziel, der Antarktis, angelangen und sich dort verpaaren können. Sie setzt alles daran, damit die Seeschwalben nicht aussterben.

Die Geschichte besitzt unterschiedliche Handlungsstränge und Zeitebenen. Franny, die Hauptperson, ist eine Getriebene. Sie trägt die Last einer unglücklichen Kindheit mit sich – und auch als Erwachsene spielt ihr das Leben übel mit. Doch sie weiß sich zu wehren. Sie ist zäh, freiheitsliebend, unerschrocken, kämpferisch. Ihr Wille treibt sie an – bis zum Schluss. Aufgeben ist keine Option.

Mich erinnerte die dichte Beschreibung, die Sprache, die Nähe zur Natur, vor allem zum Wasser und den Vögeln, an „Der Gesang der Flußkrebse“ von Delia Owens. Als Franny mit der dubiosen Crew der Saghani in See sticht, musste ich an „Fräulein Smillas Gespür für Schnee denken“. Doch dieses Debüt ist ein ganz eigenes Werk. Die „Zugvögel“ haben mich mitgenommen – auch über so manche Klippe, die sich dem Lesefluss entgegenstellte. Die Widersprüchlichkeit der Hauptfigur war manchmal schwer zu ertragen – doch Franny ist egal, was man von ihr hält. Sie verbiegt sich nicht und will nicht gefallen, auch dem Leser nicht. Vielleicht ist es das, was sie dann doch so sympathisch sein lässt.

Der Schluss? Nun gut, etwas pathetisch (und dann ist nicht wirklich Schluss, sondern es gibt noch einen Nachklapp…). Aber an dieser Stelle bildet sich am besten jeder und jede ihre eigene Meinung. Für mich war „Zugvögel“ eine lohnende Entdeckung.

Mein Text bezieht sich auf die Hörbuchausgabe der Argon Edition, die ich sehr empfehlen kann (siehe Foto). Mehr zum Buch findet Ihr hier:

Charlotte McConaghys: Zugvögel, Fischer Verlag, August 2020, 400 Seiten.

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