Über Menschen

Es ist schon ein paar Wochen her, dass ich Juli Zehs aktuellen Roman gehört, nicht gelesen habe. Der Stoff musste sich wohl erst setzen, er hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl. Eigentlich wollte ich ihn auslassen. Ich hatte keine Lust auf einen „Covid“-Roman. Aber nun gut, ein Covid-Roman ist es dann doch nicht wirklich geworden. Juli Zeh sagt selbst, der Stoff sei in einer ersten Fassung bereits vor der Pandemie fertig gewesen und dann von ihr komplett überarbeitet worden. Dabei bietet die Pandemie am Ende lediglich eine Erklärung dafür, warum Protagonistin Dora ihre Stelle verliert und ihr Freund Robert am Rad dreht – Robert fand ich übrigens maßlos übertrieben dargestellt. Im Grunde wollte er Dora im Haus einsperren, weil man wegen Corona nicht mehr auf die Straße dürfe … vermutlich soll er stellvertretend für die Menschen stehen, die zu Beginn der Pandemie in Panik verfallen sind und völlig irrationale Dinge postuliert haben. (Aus meiner Erfahrung ist der gut situierte Hipster-Berliner, zu denen auch Dora und Robert zählen, recht „lässig“ durch die Pandemie geschlendert, zumindest wurde unser Berliner Randbezirk geradezu überlaufen von Prenzelbergtouris und Co … was ich ja durchaus verstehen kann, denn draußen ist die Ansteckungsgefahr gering, wenn man Abstand hält – jemandem wie Robert bin ich, zum Glück, nicht begegnet. Viel weniger gut sind Familien und Menschen in prekären Lebensverhältnissen durch die letzten 1,5 Jahre gekommen, aber nun gut, ich denke, dies ist kein Roman, der wirklich die Belastungen der Pandemie zum Thema macht – die Pandemie bleibt eine locker geknüpfte Rahmenhandlung…).

Zurück zu Dora:

„Weitermachen. Nicht nachdenken.“ So beginnt der Roman. „Nicht nachdenken. Weitermachen“ heißt es im zweiten Absatz leicht verändert. Für mich klingt das, als lägen Körper und Geist im Widerstreit. Der Geist, der stets grübelt und an kein Ende kommt, er schweigt, wenn der Körper sich durch harte Arbeit auspowert. Und manchmal tut man Dinge, über die man nicht lange nachdenkt. Man handelt, weil man handeln muss …

„Weitermachen. Nicht nachdenken“ beschreibt nicht nur, dass Dora weitergraben muss, damit sie ihren Garten bepflanzen kann. Es beschreibt auch das Leben, das sie bisher geführt hat. Dora ist 36 Jahre alt. Sie wohnt in Berlin, arbeitet als Grafikerin, hat einen tollen Job, eine noch bezahlbare Wohnung und lebt in einer Beziehung. Bisher hat sie einfach weitergemacht, hat funktioniert in ihrem Job, ihrer Beziehung, ihrem Leben, obwohl in ihr eine Sehnsucht nach Veränderung gewachsen ist – Juli Zeh nennt es einen „Fuchtinstinkt“, der Dora erfasst. Sie fühlt sich überfordert. Vielleicht braucht sie eine Pause von ihrem bisherigen Leben? Dora beginnt „heimlich“ nach Häusern im Berliner Umland zu suchen. Sie stößt auf eine Immobilienanzeige, in der ein marodes Haus im Brandenburgischen angeboten wird. Die Sehnsucht nach Veränderung (oder Flucht?) wird übermächtig, als die Pandemie sie in einen Ausnahmezustand versetzt. Die Welt um sie herum ist nicht mehr, wie sie war. Ihr Freund Robert driftet ab und versinkt in einer Art Pandemie-Hysterie. Dora trifft eine Entscheidung: Sie kauft das baufällige Haus im Nirgendwo (okay, das Nirgendwo ist Bracken, das Haus steht in Dorfrandlage). Ist es die Wiederentdeckung der Natur und des einfachen Lebens? Vielleicht treibt sie auch eine romantisierte Vorstellung vom Leben auf dem Land an, die jedoch schnell entzaubert wird, als Dora den verwilderten Garten umgräbt und die Fortschritte minimal sind. Es wird dauern und Kräfte kosten, bis sie ein Gemüsebeet anlegen kann. Dabei legen sich ihr noch ganz andere Steine in den Weg: Sie verliert ihren Job und lebt fortan von ihrem Gesparten, das rasant zur Neige geht. Und nebenan wohnt Gote, der Dorf-Nazi, der mit Gleichgesinnten abends am Feuer das Horst-Wessel-Lied grölt.

„Weitermachen. Nicht nachdenken.“ Dora kann nicht mehr zurück. Ihr Traum vom Landleben wird auf eine Zerreißprobe gestellt. Geht sie zurück nach Berlin? Das ist wohl keine Option. Sie scheint nicht nachzudenken, sondern weiterzumachen: den Garten umgraben, Kartoffeln pflanzen, Wände streichen. Arbeit ist genug da. Und der Nazi?

Innere Konflikte scheint Dora hier und da auszutragen, aber nicht so, dass es mit Gote wirklich zu einer Auseinandersetzung über politische Themen kommt. Ganz anders, als man es erwarten könnte, verläuft die Geschichte weiter: Gote mutiert zum liebenswürdigen Nachbarn. Erst regelt er Dinge im Verborgenen – stellt Dora z. B. Stühle auf die Veranda, erledigt Arbeiten im und am Haus … – dann wird auch Dora klar, dass Gote ihr Wohltäter ist. Sie bittet ihn, das zu unterlassen, aber Gote ist unbeirrbar. Warum er das für Dora tut, bleibt völlig im Dunkeln. Er kutschiert sie zum Baumarkt, weil Dora kein Auto hat, und Gotes Tochter besucht Dora nun täglich. Eine bizarre Freundschaft entwickelt sich zwischen den Dreien.

Ich habe das Buch fasziniert gehört. Sprachlich ist es wie immer wunderbar – so klar, puristisch und auf den Punkt. Inhaltlich hat es mich auch gefesselt, allerdings ist mir manchmal auch ein eisiger Schauer über den Rücken gelaufen. Was ist Jui Zehs Botschaft? In jedem Nazi steckt ein guter Kern?

Ich kann nicht anders, als diesen Roman als ein „modernes Märchen“ zu verstehen. Denn märchenhaft finde ich die Entwicklung zwischen Dora und Gote. Beide existieren in einem eigenen kleinen Bracken-Kosmos, losgelöst von allem anderen. Auch wenn Dora es nicht tut, man möchte Gote rechtfertigen, ihn in Schutz nehmen und erklären: Er ist eigentlich einer der Guten, vielleicht ist er einfach nur in die falschen Kreise abgerutscht, jeder hat eine zweite Chance verdient … Aber darauf läuft es nicht hinaus. Und Gote distanziert sich auch nicht von den Gewalttaten und Pöbeleien gegen Ausländer.

Trotzdem trinken Dora und Gote ihr Feierabendbier über die Mauer zwischen ihren Grundstücken, die immer poröser wird. Märchenhaft auch, als Dora ihren Vater ruft, um Gote in der Charite behandeln zu lassen – und sich danach fürsorglich um ihn kümmert.

Was erzählt uns Juli Zeh über Menschen? Dass jeder verschiedene Facetten in sich trägt und nicht nur schlecht oder nur gut ist, sondern beides zugleich sein kann? Kann man ein guter Freund und Nachbar sein und an einem anderen Tag Menschen verprügeln? Kann man ein guter Vater sein und gegen Familien, die hier in unserem Land Schutz suchen, hetzen?

An Juli Zehs Roman scheiden sich die Geister. Davon handeln viele Rezensionen. Auch ich bin unentschlossen. Lesenwert finde ich ihn. Das letzte Drittel der Geschichte lässt mich allerdings auch ratlos zurück. Was mache ich nun damit?

Statt „Nicht nachdenken. Weitermachen“ halte ich „Nachdenken. Nicht Weitermachen.“ für das Gebot der Stunde.

Über Menschen, Juli Zeh. Gelesen von Anna Schudt. Ungekürztes Hörbuch 10 Stunden, 11 Minuten. Erschienen am 14. April 2021.

2 Kommentare

  1. Als großer Fan dieser Autorin war ich schon sehr gespannt auf das Buch. Habe es im Strudelsog rasch ausgelesen und empfand es gegen Ende hin, wenn sich alles einigermaßen passend findet, eher merkwürdig. Etwas verliebt habe ich mich in die kleine Franzi. Und ja, es ist verwirrend, dass man auf einmal für einem Nazi Sympathien entwickelt. Das aber auch wohl nur, weil man die andere, die brutale Seite nicht so oft, so deutlich herausgestellt bekommt.

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  2. Ja, das mit dem Strudelsog ging mir genauso – das hat Juli Zeh einfach drauf. Ihr toller Stil hält mich immer bei der Stange. Alles andere müssen wir wohl aushalten … liebe Grüße und danke, dass du meinen Beitrag kommentiert hast.

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