Bridgerton

Lasst uns über Bridgerton reden. Ich habe lang gezögert, gehadert, geflucht.
Und dann bin ich doch dem Kitsch oder der Romantik oder beidem erlegen.
Irgendwie. Zumindest der Netflix-Serie. Vorab: Netflix erschafft mit Bridgerton
eine bunte, nicht ganz ernstzunehmende bonbonfarbene Regency-Zeit mit viel
erotischen Zutaten.

Worum geht es?

Das ist ziemlich schnell erklärt: Alle acht Bridgerton Kinder müssen nach
und nach verheiratet werden. Das einzige Problem: Natürlich sollen alle aus
wahrer Liebe die Ehe eingehen. Geld haben sie ja bereits genug. Und die Sache
mit der Liebesheirat haben Violet und ihr verstorbener Mann Edmund Bridgerton
ihren Kindern so vorgelebt. Die älteste Tochter Daphne macht den Anfang. Im
zweiten Band ist der älteste Sohn Anthony an der Reihe, er steht der Familie
Bridgerton als Familienoberhaupt vor, nachdem sein Vater früh verstorben ist.
Die nächste Staffel (die Netflix bereits bestätigt hat) müsste demnach Benedict
unter die Haube bringen, danach geht es mit Colin weiter, dann Eloise usw.

Zitat

In der Süddeutschen Zeitung schreibt Aurelie von Blazekovic treffend, dass
die Geschichten alle vorhersehrbar verlaufen, natürlich, aber die Mischung
macht es aus und die Frage, wie es zum Happy-End kommt:

Bridgerton mischt das Beste aus vielen Welten in eine leichte, packende und nicht dumme
Geschichte. Da ist das strenge Setting aus Janes Austens Welt, die Romantik des
in verregneten Schlossanlagen Nicht-sagen-Dürfens, des Nicht-Zeigen und schon
gar Nicht-anfassen-Dürfens. Und die Skandalträchtigkeit aus Gossip Girl, dazu
die Farben aus Marie Antoinette von Sofia Coppola und das kitschige Ideal der
Liebe, die größer als das Leben ist, aus Twilight. Dass aus der Identität von
Lady Whistledown, dem Gossip Girl aus Bridgerton, kein ewiges Rätsel gemacht
wird, ist nur ein Beispiel dafür, was Bridgerton besser macht als
andere Drama-Serien.“

(aus: SZ Rezension online: Wenn schon Korsett, dann so von Aurelie
von Blazekovic
)“

Die literarischen Vorlagen von Julia Quinn dienen Netflix recht frei als Vorlage. Ein Lob auf die Drehbuchschreiber Chris Van Dusen und Shonda Rhimes: Sie haben die sehr konventionell erzählten Liebesgeschichten etwas entstaubt. Die Gesellschaft ist divers – die Königin ist schwarz. Die weibliche Hauptfigur aus Teil 2 Kate Sharma ist Inderin. Das ist völlig unhistorisch und ich finde es wunderbar. Dagegen wirkt das literarische Vorbild Kate Sheffield ziemlich langweilig. Auch Eloise mit ihrer Auflehnung gegen die Etikette und ihrer Ablehnung, sich auf den Bällen wie Zuchtvieh potentiellen Ehegatten zu präsentieren – bitte mehr davon! Zumindest Eloise darf etwas feministische Auflehung leben. Penelope als Lady Whistledown ist auch ein wunderbarer Charakter. Als gossip girl ist sie die scharzfzüngige Kolumnistin im Hintergrund.

Kathleen Hildebrand (Deutschlandfunkkultur) beschreibt das so:

„Die Serie haucht dem Historiengenre auch eine Modernität ein, weil sie die Rollen der Aristokraten nicht nur mit weißen Schauspielern besetzt. Auch zur Frauenfrage hat ‚Bridgerton‘ einiges zu sagen: Die jungen Damen der höheren Gesellschaft wurden zwar von Kindesbeinen an darauf trainiert, eine gute Partie zu machen, werden aber bewusst unwissend über die körperlichen Aspekte der Ehe gehalten. Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/aus-den-feuilletons-viele-bunte-kostueme-eine-schwarze-100.html

Erotik

Die körperlichen Aspekte der Ehe (und davor) spielen in allen Geschichten eine entscheidende Rolle. Obwohl es für unverheiratete Paare unschicklich ist, allein zu sein, gelingt ihnen das stets mit Leichtigkeit. In Teil 3 kommt es sogar zu vorehelichem Geschlechtsverkehr. Wenn das Jane Austen gewusst hätte … aber gerade das ist wohl das Neue oder Besondere an Julia Quinns Romantikreihe: Es geht um Erotik. Die Geschichten enden nicht mit dem Gang zum Traualtar. Meist entspinnen sich die Konflikte sogar erst nach der Ehe, wie im ersten Teil zwischen Daphne und Simon. Die weitschweifigen Epiloge erzählen die Geschichte dann sogar noch einmal weit in die Zukunft hinein mit Zeitsprüngen von vielen Jahren. Daraus allein könnte man schon wieder eine eigene Netflixfolge machen.

Noch einmal zurück zur Erotik: Die Serie ist freizügig. Staffel 1 wurde sogar von manchen als zu freizügig angesehen. Staffel 2 nimmt das etwas zurück. Trotzdem werden wir bei Netflix oder auch als Leserinnen und Leser der Bridgerton-Bücher Zeugen, wie Frauen defloriert werden, wie Männer an Ohrläppchen, Hälsen oder Brüsten „knabbern“ (immer wieder knabbern sie, ich habe so gelacht). Da werden diabolische Blicke getauscht, sich angefunkelt, mit feuriger Leidenschaft übereinander hergefallen. Das ganze Programm. Allerdings sind die literarischen Passagen sehr redundant.

Darüber hinaus gelten Frauen als Besitz des Mannes und Sätze wie „Du gehörst zur mir“ oder „Du hast mir gehorsam geschworen“ kommen bei Julia Quinn ständig vor. Da ist schon erfrischend, wenn in Staffel 2 Kate und Anthony immer wieder miteinander streiten und Kate nicht müde wird zu betonen, dass sie ihm nicht gehorcht und er ihr keine Befehle erteilen darf. Gut so! Kleine Lichtblicke …

Wie lässt sich der gigantische Erfolg des Bridgerton-Stoffes erklären?

Ich habe noch nie, wirklich noch nie, romantische Romane wie die von Julia Quinn gelesen. Und nun gebe ich zu: Band 1-3 habe ich mir angetan. Vielleicht war es der Jane-Austen-Faktor (irgendetwas an Paralle lässt sich hier vielleicht konstruieren). Darüber hinaus bringt mich Bridgerton zum Lachen, die Harmlosigkeit der auch die gelebte Sinnlichkeit bieten Ablenkung und Entspannen.

Kurz gesagt: Die Serie macht Spaß. Der Cast ist wunderbar. Sie Bilder sind bunt. Die Musik bietet Popsongs in klassischem Gewand. Vieles stimmt hier einfach. Natürlich: Die Probleme der Bridgertons sind in der Regel hausgemacht und völlig übertrieben. Geradezu Peanuts. Aber darum gilt vielleicht auch: einschalten und abschalten. Bridgerton als Auszeit von der Welt.

Mein Fazit

Hände weg von den Büchern. Daumen hoch für Netflix.

Süddeutsche Zeitung über Bridgerton Staffel 1

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s