Welcome back, Feuilleton!

Die Aosawa Morde. Endlich! An diesem Bestseller aus Japan sollte man dranbleiben. Er liest sich nicht nebenher oder parallel mit anderen Romanen. Ich habe das erste Drittel leider viel zu unkonzentriert gelesen und daher keinen guten Einstieg in die Geschichte gefunden. Die Kapitel lasen sich zäh – einzelne Passagen haben mein Interesse und meine Neugier geweckt, dann aber ließ der Autor diesen Faden wieder fallen und widmete sich urplötzlich einem anderen. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen. Die Geschichte setzt sich aus vielen unterschiedlichen Perspektiven zusammen. Bis zum Schluss fiel es mir nicht leicht, alle Erzählstränge immer zu überblicken. Trotz der Anlaufschwierigkeiten fand ich die Geschichte – oder vielmehr die Erzählweise – faszinierend. Gerade das letzte Drittel war großartig: Die ausgelegten Fäden ziehen sich enger, die Geschichte verdichtet sich, manches Rätsel löst sich.

„Ich weiß ja. Die Menschen wollen ausgebeutet werden, sie wollen dienen. Die Aosawa-Familie war ein Produkt von unsichtbaren Menschen, und die Unsichtbaren wünschten sich eine Familie Aosawa. Und genau deshalb musste es so kommen. Nichts auf dieser Welt läuft so, wie wir es planen. (S. 168)“

Am Anfang steht ein tragisches Ereignis.

Eine Familienfeier. Alle sterben. Nur die blinde Tochter des Hauses überlebt. Offenbar war die Limonade vergiftet. Der Fall wird nie wirklich aufgeklärt. Ein vermeintlich Schuldiger wird gefunden, ins Gefängnis gesteckt und stirbt. Der ermittelnde Polizist hat von Anfang an einen Verdacht (so wie ich und wie vermutlich jede Leser*in und ich weiß nicht, auf welche geniale Weise Riku Onda dies suggeriert, ohne den Verdacht explizit zu machen, weil es eigentlich nicht sein kann, nicht sein darf…), er kann aber seine Vermutung nie beweisen. Der Fall wird ihn bis in den Ruhestand beschäftigen.

Die Tochter einer Hausangestellten der Familie Aosawa schreibt ein Buch über die Ereignisse: Das vergessene Fest. Ihr Buch wird ein Bestseller, bleibt aber ein One-Hit-Wonder. Sie wird nie wieder schreiben. Warum war es ihr ein so großes Bedürfnis, die Ereignisse von damals zu rekapitulieren? Weiß sie vielleicht mehr über das, was vor so langer Zeit in dem herrschaftlichen Haus mit den runden Fenstern geschehen ist?

Auch wenn der Massenmord an der Familie Aosawa ungesühnt und rätselhaft bleibt, am Ende werden doch ein paar der Fäden zusammengeführt. Fragen bleiben. Und Geheimnisse. Und das ist gut so.

Ich muss gestehen, dass ich erst mit der Person des Polizisten mit der Story „warm“ geworden bin. Er bringt Struktur in das, was passiert ist – die Fakten ordnen sich. Personen werden befragt und erklären sich. Polizeiarbeit ist einem vertraut. Das war es aber schon. Wir sehen immer nur kurz durch die Brille des Ermittlers. Dann springt die Erzählung wieder in eine andere Perspektive.

Vielleicht brauchen wir eine andere Art der Erleuchtung, um zu verstehen?

‚Bilder mit einem dritten Auge finden sich seit Anbeginn der Zeit in allen Kulturen und Religionen der Welt. Schon eigenartig. Und überall heißt es, wenn man sich den religiösen Studien hingibt, entsteht an der Stelle eine Art Auge oder Punkt, der Hitze auszustrahlen scheint. (…).‘ – ‚Also muss man Tugendhaftigkeit anstreben. Aber ich frage mich wie die Welt aussehen würde, wenn man ein zusätzliches Auge hätte.‘ – ‚Weiß ich nicht. Kann ich wirklich nicht sagen. Aber ich vermute, du würdest die Welt anders sehen, auf einer anderen Ebene.‘ (S. 194-195)

Die Person, um die die Erzählung kreist, ist blind. Ein blindes Mädchen, das als einzige den Giftanschlag überlebt. Ihr Gehör ist so etwas wie ihr drittes Auge. Sie nimmt Dinge wahr, die andere nicht wahrnehmen können. Aber sind ihre – sind unsere – Sinnesorgane verlässlich?

„Die Wahrheit ist eben nichts anderes als eine Sichtweise auf einen Gegenstand aus einer bestimmten Perspektive. (S. 75)“

Noch einmal: Mir gefällt dieser sperrige Stil. Geheimnisvoll und rätselhaft. Düster. Melancholisch. Traurig. Tragisch. Aber auch distanziert. Als Leserin bleibe ich Beobachterin. Mit keiner der Figuren kann ich mich identifizieren. Mit keiner Figur fühle ich wirklich mit. Diese Distanz wird von Riku Ondas Sprache verstärkt: Es ist ein junger Mann, eine Frau, ein Schreibwarenhändler, die Mutter von dem und dem – viele der Figuren besitzen keine Namen (darum ist es vielleicht auch so schwer, sie alle auseinanderzuhalten). Die Beschreibungen gehen nie in die Tiefe, bleiben unpersönlich und halten Abstand.

Interessant finde ich, dass der Roman unter dem Titel EUGENIA (wunderbarer Titel, viel besser als Die Aosawa-Morde!) bereits 2005 in Japan erschienen ist. Warum hat es so lange gedauert, bis der Roman auch bei uns entdeckt wurde? Das Cover finde ich übrigens wunderschön, fast wie ein Bild aus einem dieser Bücher „Das magische Auge“ – wenn auch die Blumenfarbe etwas irritiert, wenn man das Buch beendet hat, oder?

Riku Onda: Die Aosawa Morde, 400 Seiten, erschienen bei Atrium.

Sonja Hartl bei Deutschlandfunkkultur über Riku Onda

SWR Audio zum Buch

Weiter zur FAZ Rezension von Katrin Doerksen

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