Weihnachtslektüre

Hier kommt Weihnachtslektüre der etwas anderen Art: „Es ist immer so schön mit dir“ von Heinz Strunk. Warum Weihnachtslektüre? Die Stimmung passt zur Jahreszeit: winterlich düster und verregnet mit deprimierendem Unterton.

„Es ist ein grauer Tag Mitte Dezember, kühl, aber mild. Der Himmel hängt tief und schwer über der Stadt, das Tageslicht sieht man nur ein paar Stunden. Es ist nun endgültig Zeit, den dicken Mantel herauszuholen, und bald ist ja auch schon Weihnachten.“

Weihnachten wird der Protagonist vermutlich allein verbringen. Und das hat er sich selbst zuzuschreiben. Am Anfang der Geschichte lebt er noch in einer Beziehung. Freundin Julia erscheint ihm jedoch langweilig und unerotisch. Die beiden sind bloß eine eingespielte Zweckgemeinschaft: zwei Menschen, zwei Wohnungen, zwei Leben mit Schnittmengen. Keine weiteren Zukunftspläne. Verbindlich unverbindlich. Auf mich ist die Beziehung vergleichbar mit Erbsensuppe. Nichts gegen Erbsensuppe. Sie ist bodenständig und macht satt. Aber jeden Tag Dose auf und fertig? Und alle paar Wochen sind ein paar Bockwürste mit dabei. Dabei sehnt man sich nach Abwechslung auf dem Speiseplan. Ein saftiges Steak. Herzoginnenkartoffeln. Oder Austern, Hummer, Schalentiere, auch wenn man gar nicht weiß, wie man sie knackt.

Dann trifft der Protagonist Vanessa. Vanessa ist hübsch, sprüht vor Energie und erregt Aufmerksamkeit, wenn sie einen Raum betritt. Sie spielt in einer anderen Liga als Julia, aber auch als unser Protagonist selbst, denn der ist ein langweiliger Durchschnittstyp: mittelalt, mäßig erfolgreich und auch nicht besonders gutaussehend. Trotzdem hängt er sich an Vanessa. Nachdem er sehr hartnäckig ihre Nähe sucht, erhört sie ihn irgendwann. Dass sie mit spielt, ist von Anfang klar. Er ist ein Träumer, ein Looser, einer, der sich und anderen etwas vormacht.

Meine Lieblingsstelle? Als Julia, die Verlassene, ihm mal den Kopf zurechtrückt:

„Hast du wieder dein Mönchsgesicht aufgesetzt mit der ewigen Leidensmiene? Damit kommst du heute bei mir nicht durch. Mein Gott, wie mich deine Depri-Fresse anödet. Man müsste den Staubsauger auf die Löcher in deinem Körper ansetzen und die Traurigkeit aussaugen. Oder Entkalker. Der ganze Schmodder und Kalk müsste mal richtig weggeätzt werden. Oder Backofenspray, das ginge auch.“

Es ist eine Geschichte von Beziehungen, die keine Zukunft haben. Und das liegt in diesem Fall an der Hauptfigur. Muss man diesem Midlife-Crisis-Mann nicht mal in den Hintern treten, damit er aus dem Quark kommt? Ihm die Wahrheit ungeschönt ins Gesicht sagen, so wie seine Ex Julia es getan hat? Ja! Aber hat er daraus gelernt? Ist er geläutert? Nein! Da kann man wohl lange warten …

„Es ist immer so schön mit dir, Heinz Strunk!“ Ja, es war schon schöner. Frühere Werke haben mir deutlich besser gefallen. Sprachlich bekommt man natürlich auch hier Heinz Strunk. Dafür vergebe ich auch eine Hand voll Punkte Lesevergnügen. Leider wurde ich mit seinem Protagonisten nicht warm. Den kann er gern zurückhaben. Er wird mir nicht fehlen.

Am Ende steht die Erkenntnis: Neue Männer braucht das Land.

Heinz Strunk: Es ist immer so schön mit dir, 2021 im Rowohlt Verlag erschienen, 288 Seiten.

Oder als Audible Hörbuch von Heinz Strunk selbst eingelesen.

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