Was wir verbergen

In der letzten Woche erschütterte die Razzia unter sogenannten „Reichsbürgern“ unser Land. Sie möchten das „Deutsche Reich“ mit seinen früheren Grenzgebieten zurück. Reichsbürger wollen also die Zeit zurückdrehen. Wenn nötig mit Gewalt. Dementsprechend ist auch das Weltbild der Menschen, die sich Reichsbürger nennen, von vorgestern und steht einer offenen, toleranten Gesellschaft entgegen. Auch wenn ich oft denke, ach, so schlimm ist alles gar nicht, wir sind doch heute schon viel weiter, vieles ist besser oder auf einem guten Weg – ähm, nein, offenbar nicht. Populismus, Fake News, Extremisten, Intoleranz und Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Identität, ihrer Hautfarbe, ihrer Religionszugehörigkeit oder ihres Geschlechts. Das alles gibt es nach wie vor. Und genau diese politische und gesellschaftliche Problemanzeige greift Arttu Tuominen in seinem neuen Roman auf. Rechtsextreme und religiöse Fanatiker bilden den Hintergrund für einen spannenden und durchweg plausibel aufgebauten Kriminalroman – der mehr bietet als einen Krimi.

Was wir verbergen

„Was wir verbergen“ ist der zweite Kriminalfall nach „Was wir verschweigen“, in dem das Duo Jari Parloviita und Henrik Oksman ermitteln. Beide Teile sind in sich abgeschlossen.

Auf einen Nachtclub, in dem überwiegend homosexuelle und queere Menschen feiern, wird ein Anschlag verübt. Menschen sterben. Viele werden verletzt. Danach treten Rechtsextreme, religiöse Fundamentalisten und Hassredner auf, die die Stimmung weiter aufheizen. Dann meldet sich ein Mann, der sich selbst als den „Gesandten“ bezeichnet. Er hetzt gegen Homosexuelle. In seinen Augen sind sie Sünder. Er selbst sieht sich als Waffe Gottes, die die Sünder zur Rechenschaft zieht. Er ruft andere auf, es ihm gleichzutun. Es ist reiner Zufall, dass sich Zeugen Jehovas an die Tür des Gesandten verirren. Ein Vater mit seinem kleinen Sohn. Die Situation eskaliert. Der Gesandte tötet den Vater und sperrt den Jungen in den Keller. Die Polizei ahnt nicht, dass das Verschwinden von Vater und Sohn etwas mit dem Gesandten zu tun hat. Sie tappt zunächst völlig im Dunkeln. Aber die Uhr tickt …

Besondere Charaktere: stark und verletztlich zugleich

Arttu Tuominen erzählt von Menschen wie Henrik Oksman, die nach außen hart und stark wirken, nach innen aber fragil und verletzlich sind. So kann Henrik Oksman ganz allein einer Truppe aus rechten Schlägern gegenübertreten, aber gegen seinen sadistischen, homophoben Vater ist er machtlos. Da bleibt er immer der kleine Junge, der in einer Winternacht zu einem wild tobenden Dobermann gesteckt wird. Auch Jari Paloviita hat mit Selbstzweifeln zu kämpfen. Von seiner Frau und seinem Schwiegervater als Nichtsnutz und Taugenichts beschimpft, ist er doch in brenzligen beruflichen Situationen, der erste Mann vor Ort. Beide, Paloviita und Oksman, sind gebrochenen Helden. Man möchte sie in den Arm nehmen und trösten. Aber sie haben zu tun. Man braucht sie. Der kleine Junge im Keller braucht sie.

In beiden Romanen vermischt sich die private Ebene mit der beruflichen. Das wird nie nervig (wie bei Sonntagabend-Tatorten). Mit psychologischem Tiefgang treibt Arttu Tuominen seine Geschichte voran. Wie im ersten Teil tauchen immer mehr Details auf, gibt es Rückblenden in die Vergangenheit, Einblicke in das Seelenleben der Protagonisten.

Ganz groß ist auch die Rede und das Auftreten des Pfarrers – der früher bei der Fremdenlegion war und Menschen getötet hat. Heute ist er ein charismatischer Prediger, der mutig für Randgruppen und Ausgegrenzte eintritt. Ein Kämpfer für die Freiheit. Den ein trauriges Schicksal ereilt.

Die Helden tragen allesamt keine weißen Westen. Und so können sich Jari und Henrik am Ende die Hände reichen und sagen: Wir sind quit.

Mehr als ein Krimi

Und ich muss allen Kritiker*innen von Kriminalromanen sagen: Die Krimis dieses finnischen Autors sind anders. Im besten Sinn anders. Für mich sind es Gesellschaftromane: sozialkritisch und politisch und hochaktuell. Arttu Tuominen schreibt nie platt und stereotyp. Seine Figuren sind allesamt vielschichtig: menschlich, authentisch, abgründig, nahbar. Er schafft es, mich zu Tränen zu rühren. Und dann baut er ganz nebenbei die Spannung eines Thrillers auf und bietet einen filmreifen Showdown.

Mit Arttu Tuominen habe ich das Jahr begonnen – mit ihm beschließe ich es (fast). Beide Romane gehören zu meinen Lese- und Hörhighlights des Jahres.

Arttu Tuominen: Was wir verbergen, Lübbe Bastei, Oktober 2022.

Besonders lege ich Euch wieder einmal das Hörbuch ans Herz. Eingesprochen wurde es von Wolfram Koch, bekannt u.a. als Frankfurter Tatortkommissar. Er liest einfach hervorragend. Hier stimmt einfach alles. Vielen Dank!

Arttu Tuominen bei audible als Hörbuch – in ungekürzter Fassung, gelesen von Wolfram Koch.

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